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Das höckrige Wunderpferdchen




Kommentar von Danielle Günther





»Auf keinen Fall, eine vierte Reise mache ich nicht mehr. Lieber krepiere ich gleich!«




Auch wenn der Untertitel »Ein Märchen aus dem alten Russland« eine schon seit Jahrhunderten überlieferte Erzählung vermuten lässt, handelt es sich bei dieser vermutlich letzten Vertonung in der Reihe russischer Märchen unter dem EUROPA-Label tatsächlich um ein Kunstmärchen des Autors, Lehrers und Schuldirektors Pjotr Pawlowitsch Jerschow (1815-1869). Diese Geschichte erschien 1834 ursprünglich in Versform (eine scheinbar häufig vorkommende Form in der russischen Märchenliteratur) und ist ebenfalls unter den Titeln »Das bucklige Pferdchen«, »Das Höckerpferd«, »Das Wunderpferdchen«, »Das Buckelpferdchen« sowie »Konek-Gorbunok« (Original-Titel) bekannt. Es gilt als eines der populärsten und bekanntesten Märchen Russlands, welches angeblich fast jedes Jahr von unterschiedlichsten Verlagen herausgegeben wird. Sogar eine Oper und ein Ballett gleichen Namens werden regelmäßig aufgeführt.

Ganz im Gegensatz zur Popularität seines Stücks ist sein Autor eher weniger bekannt. Jerschow verfasste noch weitere Gedichte, Kurzgeschichten und ein Drama, konnte jedoch nicht mehr an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen. Der Legende nach lernte er an der Universität von St. Petersburg den berühmten russischen Dichter Alexander Puschkin kennen. Dieser habe nach der Lektüre des »Wunderpferdchens« selbst keine Märchen mehr verfassen wollen, da Jerschow dies seiner Meinung nach viel besser könne.

Wem es letzten Endes zu verdanken ist (Mara Schroeder von Kurmin oder Konrad Halver oder beiden), dass abseits von Grimm & Co. auch russische Märchen den Weg auf die Langspielplatte fanden, kann heute natürlich keiner mehr sagen. Fakt ist jedoch, dass diese Tatsache den Horizont der jugendlichen Hörerschaft deutlich erweiterte und man daher schon in frühen Jahren mit anderen Kulturen Bekanntschaft machte. Dabei spielte es auch keine Rolle, dass man als Kind diverse Begriffe, wie Bojaren, Ikone oder Kaftan nicht unbedingt verstand und diese auch nicht erklärt wurden. Dafür waren ja Mama und Papa da - selige Zeit der siebziger Jahre.

Ich für mich kann jedenfalls behaupten, dass die Begegnung mit russischer oder auch orientalischer Kultur (siehe Märchen aus 1001 Nacht) dafür gesorgt hat, der Welt da draußen vorurteilsfreier zu begegnen, als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. Ich möchte die Hörspiele meiner/unserer Kindheit bestimmt nicht bedeutender machen als sie sind bzw. damals waren, aber sie haben mich (und da bin ich bestimmt nicht die Einzige) geprägt und mich zum Teil zu dem gemacht, was ich heute bin.

Doch zurück zum Thema: Mara Schroeder von Kurmins Script holt alles aus der Geschichte, was sich heraus holen lässt. Mit ihrem damals sowjetischen und heute baltischen Hintergrund sorgt sie peinlich genau dafür, dass die russische Seele dieses Märchens auch zu spüren ist. Für die korrekte Aussprache der Namen (z.B. Iwan auf der letzten Silbe) ist mit Sicherheit auch sie verantwortlich gewesen.

Die Geschichte selbst vereint viele Elemente eines Märchens, wie z.B. den einfältigen, aber grundgütigen Helden, den treuen Begleiter, der ihn ständig wieder retten muss, und natürlich die schöne »Damsel in Distress«, die es gilt, vor einem pädophilen Zaren zu beschützen. Dennoch unterscheidet sie sich z.B. von den Grimm-Märchen, wo die Charaktere doch eher eindimensional sind. Hier sind sie eher nicht nur gut oder nur böse. Die Prinzessin ist anfangs relativ hochnäsig und wird erst zum Ende hin erträglich. Iwan ist zwar ein »Prachtkerl«, gleichzeitig aber so eingebildet, dass man ihm fast wünscht, das Pferdchen wäre einmal nicht da, um ihm zu helfen. Sogar die Brüder sind nicht nur schlecht. Sie stehlen Iwan zwar die Pferde, sorgen sich aber gleichzeitig auch um den Vater und den Hof. Und auch der Zar entpuppt sich erst im Laufe der Geschichte als Despot. Anfangs behandelt er Iwan noch freundlich und gerecht. Und wäre er nicht so leicht beeinflussbar, würde sich dies wohl auch nicht ändern.

Die wenigen ungeklärten Details (Woher kommt das allererste Pferd, und warum tobt es sich ausgerechnet auf diesem Weizenfeld aus? Was ist ein Feuervogel und warum ist er so wertvoll?) vermögen den Spaß am Hörspiel nicht zu trüben und sind für die Geschichte an sich (bis auf das Ende - Was macht das Pferdchen genau, wodurch ***ACHTUNG!!! SPOILER*** Iwan das Milchbad überlebt? In Kleopatra wird es ihn wohl nicht verwandelt haben.) auch nicht weiter relevant.

Alles in allem ist es eine sehr abwechslungsreiche, außergewöhnliche Geschichte und eine echte Alternative zu den üblichen Grimm-Märchen.

Sprechertechnisch ist hier wieder einmal alles vor dem Micro versammelt, was zur damaligen Zeit Rang und Namen hatte. Konrad Halver ließ es sich natürlich nicht nehmen, den einfältigen Iwan zu sprechen, und dies meistert er gekonnt. Ob arrogant, einfältig oder heldenhaft - es gibt keine Charaktereigenschaft, welche er nicht glaubhaft zu vermitteln vermag. Seine Arbeit als Regisseur holt auch aus seinen Kollegen/innen das Beste heraus. Allen voran Marco Fehrs, der das Titel gebende Wunderpferdchen mit solch samtweicher, gefühlvollen Stimme spricht, dass man es sich selbst zur Seite wünscht. Herbert A.E. Böhme ist geradezu prädestiniert für die Rolle des Zaren, da die Bandbreite seiner Stimme von gütig bis Donnergrollen reicht. Reinhilt Schneider ist bei den russischen Märchen nur einmal als Prinzessin dabei und darf hier auch mal zickig um die Ecke kommen. Im Gegensatz zu Joachim Rake, dem Erzähler des »Zaren Saltân« und der »schönen Wassiljissa«, zeigt sich Michael Poelchau als der engagiertere Erzähler. Auch die restliche Sprecher-Crew ist passend besetzt und macht ihre Sache gewohnt routiniert.

Fazit: Sicher das bunteste der russischen EUROPA-Märchen und sehr hörenswert. Kleiner Punktabzug für das etwas erklärungsbedürftige Ende, aber dennoch 4 von 5 Mucks.





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