E 254
Das Märchen vom
Zaren Saltân
Die Zähmung der Zarentochter




Kommentar von Danielle Günther




Das Märchen vom Zaren Saltân



»Überlege es dir aber gut, Fürst, denn eine Frau ist kein Handschuh, den du abstreifen und einfach unter den Gürtel stecken kannst, wie der Volksmund sagt.«




Diese russische Sage, 1831 von Alexander Puschkin in Versform umgedichtet, ist eines der fünf von EUROPA vertonten russischen Märchen.

Mara Schroeder-von Kurmin, selbst aus den baltischen Staaten stammend, gelingt es, aus der Versform ein spannendes und kurzweiliges Skript zu zaubern, welches das Beste aus der Geschichte herausholt. Sieht man einmal von den russischen Fremdwörtern wie zum Beispiel 'Bojaren' (herrschende Oberschicht, direkt dem Zar unterstellt) ab, wird die kindliche Phantasie ebenfalls reichlich bedient. Vielleicht hätte man jedoch dem Hörspiel einen etwas passenderen Namen geben können, da der titelgebende Zar Saltân nicht der Hauptprotagonist ist und nur zu Beginn und am Ende der Geschichte vorkommt.

Wie so oft gelingt es Konrad Halver, die erstklassige Sprecherriege passend zu besetzen und sich selbst als Prinz Gwidon zu verewigen. Heike Kintzel ist hier nicht die böse Hexe, sondern die sanftmütige Zarin und erbringt einmal mehr den Beweis, dass sie zu den wandlungsfähigsten Sprecherinnen der EUROPA-Riege gehörte. Reinhilt Schneider wurde zur Abwechslung mal entgegen ihres Typs besetzt und kann endlich ihre latent vorhandene Bösartigkeit präsentieren. Edgar Maschmann spricht den Zaren mit der gebührenden Würde und ist daher ebenfalls sehr passend gewählt. Ein Highlight ist sicherlich Katharina Brauren, welche als intrigante Babaricha einen großartigen Auftritt hat (»Eine Hummel! Hilfe, Leute! Ahh, ahh, meine Nase! Ich werde ohnmächtig, ahhhh!«). Herma Koehn als verzauberte Prinzessin vermag es, jedes Mal mit ihrer weichen Stimme den Hörer dahinschmelzen zu lassen. Joachim Rake kann hier den leicht verpatzten Erzählerpart der »kleinen Seejungfrau« wieder gut machen und gibt eine ordentliche Leistung ab.

Die Musik stammt von der LP »Mütterchen Russland« und hätte nicht passender gewählt sein können. Der Hörer fühlt sich schon bei den ersten Klängen in die russische Märchenwelt versetzt.

Fazit: Es gibt einen Märchenkosmos jenseits von Grimm.



Die Zähmung der Zarentochter



»Pfui Brüderchen, deine Nüsse taugen nichts!«




Die Wahl dieses Märchens ist wohl der Tatsache geschuldet, dass der »Zar Saltân« bis auf die zweite Seite reichte und man noch etwas für die letzten 10 Minuten suchte. Auch wenn der Titel an eine Komödie von Shakespeare erinnert, so verbirgt sich dahinter ein recht eigenwilliges Märchen, welches unterschiedlichsten Märchenbereichen von Grimm über Hauff bis 1001 Nacht entnommen zu sein scheint.

Ebenso kann man sich fragen, welche Botschaft da dem kindlichen Hörer vermittelt werden sollte. Ein Mann hat das Recht, seine Frau zu schlagen und diese stimmt auch noch bereitwillig zu? Selbst in den 70'ern dürfte dieses Rollenbild wohl schon veraltet gewesen sein. Aber nicht nur die Geschichte ist höchst seltsam, auch die Charaktere benehmen sich eigenartig. Der Protagonist ist schlau genug eine Schlange zu überlisten, sich die magischen Gegenstände zu ergaunern, lässt sich aber von seiner Frau den Teppich stehlen. Und was macht die Prinzessin? Zunächst handelt sie höchst selbstbestimmt und emanzipiert, um sich aber dann am Ende der Geschichte bereitwillig dem Mann unterzuordnen und sich von ihm verprügeln zu lassen. So ein hanebüchener Unsinn kann einem Rezensenten schon mal zum Haare raufen bringen.

Die Sprecher agieren routiniert wie gewohnt, aber auch sie können diese Geschichte nicht retten. Einzig erwähnenswert ist Peter von Schultz, der eine großartige Schlange abgibt.

Trösten wir uns abschließend mit dem Gedanken, dass es sich bei dieser Auswahl nur um einen Schnellschuss gehandelt oder es tatsächlich kein anderes russisches Märchen gegeben hat, welches man in 10 Minuten hätte vertonen können.

Fazit: Nicht immer ist Eintopf lecker.





Bewertung: