E 278
Schauergeschichten




Kommentar von Pitichinaccio





»Und ich ... ich bin nur Froschhüpfer, der Narr. Und dies hier ist mein letzter Scherz!«




Vorwort

Ein Kommentar gerade zu dieser Produktion muß einfach besonders persönlich ausfallen, da ich zwei Ereignisse mit den »Schauergeschichten« verbinde. Der eine Umstand ist eher technischer Natur. Als ich seinerzeit mit dem gezielten Sammeln der EUROPA-Hörspiele begann, wußte ich nicht, daß es die »Schauergeschichten« gab. Ich hatte lediglich die starke Vermutung, daß die in meiner Liste bis dato nicht mit einem Titel versehene Katalognummer E 278 sehr wahrscheinlich mit einem mir unbekannten Hörspiel belegt war. Selbst eine Nachfrage im Studio Körting, um welches Hörspiel es sich handele, führte nicht weiter. In einem freundlichen Brief antwortete Hella von der Osten-Sacken, daß man diese Produktion selbst nicht im Archiv habe. Später dann entdeckte ich auf einem Hamburger Flohmarkt die von mir so gesuchte E 278. Sie steckte etwas angewinkelt, so, daß man gerade das EUROPA-Logo und die Katalognummer (!) sehen konnte, in einer endlosen Reihe hintereinandergestellter Platten am Stand eines Altrockers, der mir die LP schließlich für damals noch drei Mark überließ.

Das andere Ereignis ist die Freundschaft zu Peter Folken, den ich damals nur wegen eines Autogrammwunsches kontaktierte. Aus jenem Kaffeenachmittag entwickelten sich zunächst ein ständiger Kontakt mit Theaterbesuchen in "seinem" Theater in Karlsruhe, dann gemeinsame Kneipenabende einschließlich auf dem Heimweg gemeinsam gesungener Opernarien und schließlich eine wirklich herzliche Freundschaft, die durchs Peters plötzlichen Tod ein ebenso jähes wie verlustreiches Ende fand.

Es sei daher verziehen, daß ich den Kommentar zu diesem Hörspiel mit meinen Erinnerungen begonnen habe. Nun aber zum Kern der Sache, zur

LP-Produktion »Schauergeschichten«

Konrad Halver war ein großer Liebhaber der Geschichten Edgar Allan Poes. Aus dem Werkekanon pickte er »Der Untergang des Hauses Usher« sowie »Froschhüpfers Rache« heraus und editierte diese unter dem Titel »Schauergeschichten«. So kam es 1969 zum ersten wirklichen Gruselhörspiel im EUROPA-Programm.

»Der Untergang des Hauses Usher«

Das Jahr 1969 stand im Zeichen der "Starbesetzung" von EUROPA-Hörspielen, mit dem man erstmals gezielt und werbewirksam durch Portraits der Künstler auf dem rückwärtigen Cover unterstützt auf Schauspieler zurückgriff, die über die Bühnen Hamburgs hinaus bekannt waren, so zum Beispiel Hans Clarin, Ingrid Andree, Claus Wilcke und Hellmut Lange. So erklärt sich auch der Umstand, daß gerade Hans Clarin die doch für ihn etwas ungewöhnliche Rolle des Edgar Allan Poe erhielt. Ein kleines Problem dabei ist, daß man seine Stimme eben doch unwillkürlich mit der Produktion »Hui Buh das Schloßgespenst« verbindet, die parallel entstand. Schafft man es, diesen Umstand zu vernachlässigen, so ist die Leistung Clarins hier wirklich respektabel. Seine Stimme hat vielleicht nicht das Gewicht, welche das Sujet nahelegt, aber er gibt dem Besucher, der in die unheimlichen Vorgänge hineingezogen wird, ein glaubhaftes Profil. Aus meiner Sicht überragend ist aus meiner Sicht der wahnsinnige Roderick Usher, den Peter Folken hier präsentiert: gefühlvoll, verletzlich, dann wieder wahnsinnig und aufbrausend, schließlich bemitleidenswert und unheimlich. Ein echtes Kaleidoskop der Stimmungen. Warum auch immer man sich gegen die wortgleiche Aufnahme mit Claus Wilcke in der Rolle Sir Rodericks entschied: das Ergebnis kann sich wahrlich hören lassen. Die einzige weitere Rolle der Geschichte, der Diener im Hause Usher (gesprochen von Michael Hinz) ist so klein, daß sie sich einer wirklichen Einschätzung entzieht.

Unterstützt wird die ganze alptraumhafte Szenerie durch zum Teil disharmonische Spinetteinlagen, deren Existenz und Verwendung wohl auf das Konto Andreas Beurmanns gehen. Unheimlich, bizarr und grotesk trennen sie die Szenen voneinander, die Konrad Halver in seiner subtilen Hörspielfassung präsentiert. Bisweilen hätte man sicher den einen oder anderen Satz streichen und dem Hörspiel mehr Tempo geben können, aber in Hinblick auf die gelungene, morbide Stimmung sei dies verziehen.

»Froschhüpfers Rache«

Etwas stiefmütterlich auf dem hinteren Teil der zweiten LP-Seite zusammengedrängt fällt diese Geschichte im direkten Vergleich zum Aufmacher doch etwas zurück. Beeindruckend wie immer - und im hier erlebbaren Vergleich zu Hans Clarin eben der mitreißendere Erzähler - gibt Hans Paetsch der Geschichte einen stabilen Rahmen. Auch Rudolf Fenner ist der Inbegriff eines brutalen und unberechenbaren Königs, und Hans Clarin brilliert hier in einer, wenngleich auch nicht sehr textreichen Rolle als Froschhüpfer - eine Partie, die ihm in meinen Ohren deutlich besser liegt als der Edgar Allan Poe der ersten Erzählung. Hellmut Lange und Horst Stark in den Rollen der beiden Minister tun ihr Bestes, gehen dem Hörer dann aber doch mit dem ständigen Gelächter ein wenig auf die Nerven. Kurzer netter Auftritt: Ingrid Andree mit einem einzigen Satz als Tripetta.

Das Manko der Produktion liegt aus meiner Sicht vielmehr in den technischen und inhaltlichen Schwächen der Dialoge zwischen dem König, den beiden Ministern und schließlich auch Froschhüpfer. Zu oft wird immer wieder in Gestalt derselben Geräuscheschleife von den beiden Ministern gelacht, und nur sehr träge wird die Geschichte von dem gequälten Narren, der sich dann zur Rache an dem Tyrannen entschließt, entwickelt. Die Produktion nimmt erst mit dem Beginn des Festes an Fahrt auf und steigert sich dann in gewohnter EUROPA-Manier zu einem fulminanten Ende. Die erste Hälfte jedoch, die in Thronsaal des Schlosses spielen dürfte, will mit einiger Geduld durchgehört sein. Ansonsten begleiten auch diese Geschichte die Spinetteinsätze Dr. Beurmanns.

MC-Produktion »Schauergeschichten«

Sieben Jahre später, im immer stärker anwachsenden Geschäft der MC-Produktion, wurde auch diese für den EUROPA-Katalog recht ungewöhnliche Produktion für das neue Medium bearbeitet. (Die Einzelheiten dazu finden sich in der Kolumne 38, »Schauergeschichten neu erzählt«.) Die Geschichten wurde auf die gleiche Spielzeit gebracht, sodaß sich auf MC-Seite 1 »Der Untergang des Hauses Usher« und auf MC-Seite 2 »Froschhüpfers Rache« findet.

Die vorgenommene Bearbeitung erscheint wie eine Mischung aus der Absicht, die Spielzeiten anzugleichen, und parallel dazu das Hörspiel etwas "aufzupeppen". Die Monologe wurden gekürzt, die Geräusche durch ähnliche, aber prägnantere Versionen ersetzt und die Spinett-Musik in »Froschhüpfers Rache« wich vollständig der aus anderen Aufnahmen bekannten Hörspielmusik, zumindest zum Teil aus der Feder von Chris J. Evans. Zum Teil hat dies positive Effekte, denn ähnlich wie beiden den unterschiedlichen Versionen von »Dracula« (E 423 / E 2099) gewinnt die Körting-Fassung etwas an Fahrt - was gerade der bereits erwähnten zähen Szene in »Froschhüpfers Rache« zugute kommt. Gleichzeitig gehen aber auch ein paar Feinheiten verloren, denn die morbide Stille in Ushers ungemütlichem Heim wird durch die neuen Geräusche und vor allem die hinzugefügten Synthesizereffekte bisweilen regelrecht übertüncht. Viel zu weit ging man dabei im Finale von »Froschhüpfers Rache«, in welchem sich am Ende mehr als 90 Sekunden Geräuschkulisse finden, die nur kurz durch den Erzählertext unterbrochen wird. Gut, die gleichlange Spielzeit hatte man erreicht, aber die Fassung wirkt, zumindest im direkten Vergleich zur LP-Version, doch recht unwuchtig.

Fazit

Ginge es nur um den »Untergang des Hauses Usher«, so hätte sich die LP-Produktion sicher fünf Mucks, wegen des Auftritts von Peter Folkens sogar mit Sternchen, verdient. Leider aber reißt »Froschhüpfers Rache« die Gesamtleistung doch ein wenig nach unten, sodaß am Ende vier Mucks verbleiben. Wegen der etwas brachialen Bearbeitung gibt's für die MC-Version einen weiteren Muck-Abzug.





Bewertung (LP-Version):







Bewertung (MC-Version):