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H.G. Francis / Gruselserie 3
Dracula, König der Vampire




Kommentar von Pitichinaccio





»Du Narr, mit dem kleinen Finger kann ich dich besiegen!«




Mit »Dracula, König der Vampire« nahm man sich unter dem EUROPA-Label nicht das erste Mal des bekannten Stoffes aus der Feder Bram Stokers an. Bereits 1970 hatte Konrad Halver mit »Dracula - Jagd der Vampire« den Roman »Dracula« in eine Hörspielfassung für Erwachsene gebracht, die Heikedine Körting 1976 mit einer Neubearbeitung in das Jugendprogramm rettete. Da die »Gruselserie« sich aber gerade an der Autorenschaft Hans Gerhard Franciskowskys orientierte, verbot sich eine erneute Wiederverwertung der alten Produktion, und ein neues Skript mußte her. So kam es zu einem noch komprimierteren Extrakt aus Stokers Roman als bei der ersten Fassung unter Konrad Halver.

Natürlich kann man als Hörer nicht erwarten, daß in einer gerade einmal 40minütigen Produktion ein mehrere hundert Seiten starker Roman mit ineinander verwobenen Handlungssträngen und divergierenden Schauplätzen annährend wiederzugeben ist. Es versteht sich von selbst, daß die Ereignisse und die auftretenden Personen auf einen Kernbereich reduziert werden müssen, um eine verständliche Geschichte präsentieren zu können. Aber im vorliegenden Fall bündelt der Bearbeiter gleich zu Beginn zu viel des Guten: Draculas Brief an Jonathan Harker, die Warnungen der Einheimischen und sogar Harkers Verlobte Mina, all das packt H.G. Francis in die Kutschenszene und schnürt so ein etwas zu volles Bündel, um den Hörer in die Geschichte einzuführen.

Zwar bietet die Anwesenheit Mina Murrays von Beginn an die Möglichkeit, Harker hörspieldienliche Dialoge in denjenigen Szenen führen zu lassen, in welchen er dem Roman Stokers folgend eigentlich alleine wäre, aber die Tatsache, daß eine englische Lady ihren Verlobten auf einer derartigen Reise begleitet, ist schon dem Grunde nach nicht überzeugend. Hinzu tritt, daß die Handlung, die im Schlosse Draculas angesiedelt ist und die Francis recht werkgetreu von Stoker übernahm, die gute Mina immer wie eine etwas lästige Begleitperson erscheinen läßt - wen wundert es, denn die Bedrohlichkeit der Ereignisse, die Harker auf dem düsteren Wohnsitz des Grafen zu verkraften hat, speist sich gerade zum Teil aus der Einsamkeit, in welcher der arme Rechtsanwalt gefangen ist.

Ähnlich wie Halver elf Jahre zuvor beschränkt Francis die Handlung auf die Ereignisse auf Draculas Schloß und läßt Harker und Mina dann radikal mit dem ganzen Vampirspuk aufräumen. Dracula stirbt eher unspektakulär im Kampf, während Harker anschießend den drei Vampirbräuten - akustisch sehr viel beeindruckender - den Garaus macht. Ende gut, alles gut: es ist wieder hell, die Wölfe sind weg, das Schloßtor geht wieder auf, Draculas Biß ist auf Minas Hals nicht mehr zu sehen und man geht nach Hause. Abspann.

Leider gerät Franciskowskys Version etwas oberflächlich, selbst für einen Hörer im jugendlichen Alter. Einmal, weil alles ein wenig zu schnell geht, und andererseits, weil die Figuren nicht wirklich überzeugend handeln. Auch die Dialoge sind bisweilen nicht von gewohnter Francis-Qualität. Wenn dieser seinen Jahrhunderte alten Vampir sagen läßt »Du Narr, mit dem kleinen Finger kann ich dich besiegen!«, so klingt das eher nach einer Schulhofprügelei als nach einem Kampf auf Leben und Tod (auch, wenn einer der beiden Kontrahenten bereits tot ist).

Vielleicht war es eine Reminiszenz an die Halver-Einspielung von 1970, daß man erneut Charles Regnier, Reinhilt Schneider und Katharina Brauren vor das Mikrophon holte. Allerdings schlägt sich Charles Regnier hier nicht einmal annährend so gut wie in seiner Premiere, denn der Graf von 1981 klingt eher wie ein Kleinkrimineller mit teilweise homophilen Momenten. In der Szene, in der Harker von Dracula beim Rasieren überrascht wird, hat der mißtrauische Hörer fast die Sorge, daß sich der lüsterne Graf an den schmucken Harker eher heranschmeißen als ihn beißen wird. Die beiden erwähnten Frauen hingegen erledigen ihre Rollen souverän. Ein Schwachpunkt der Produktion bildet ebenfalls der sonst als Erzähler der »Gruselserie« tadellose Günther Ungeheuer, der einfach zu alt für die Rolle des jungen Rechtsanwalts ist. Nun, er war für die Aufnahmen der Serie ohnehin im Studio, und so wählte man ihn eben auch für diese Rolle aus, welche ja durchaus erzählende Funktion hat. Überzeugen kann diese Lösung hingegen nicht.

Die Musikeinlagen aus der Feder Carsten Bohns gehen in Ordnung, können aber nicht viel retten.

Nach allem verbleibt ein etwas blutarmes Hörspiel, das nicht an die Intensität seines Vorgängers anknüpfen kann: zu viele Ereignisse in zu wenig Atmosphäre verpackt. Seltsam, daß die meisten der schwächeren »Gruselserie«-Hörspiele ein neongrünes Cover haben ... so wie auch »Dracula, König der Vampire«.





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