E 220

1. Folge
Abenteuer und aufregende Erlebnisse
zweier Jungen am Mississippi




1. Kommentar von Pitichinaccio





Eine Punktlandung - so geht Hörspiel!




Im Laufe des Jahres 1967 verwendete man erstmals das neu geschaffene Label

denn es war offensichtlich, dass die in diesem Jahr gemeinsam veröffentlichten Abenteuerhörspiele »Tom Sawyer und Huckleberry Finn«, »Die Irrfahrten des Odysseus« und »Siegfried - Die Nibelungensage« eine ältere Zielgruppe ansprachen als die der bisher vertonten Märchen. Zwar hatte man 1966 »Die Schatzinsel« und Anfang des Jahres 1967 »Polizeihubschrauber im Einsatz« noch innerhalb der

herausgebracht, dies aber bald korrigiert. Außerdem erhielten die beiden Teile der vorliegenden Mississippi-Saga erstmalig die zwar dünneren, aber wegen der Klebelasche im Ergebnis haltbareren Pappcover.

Aber auch inhaltlich hatte man aufgerüstet: Wenngleich die damaligen Produktionen im digitalen Zeitalter geradezu grobmotorisch wirken mögen, so verließ man doch den bis dahin gängigen und recht braven Erzählstil, verwendete neue Geräusche und erweiterte das Sprecherportfolio.

Die Bearbeitung des Romans von Mark Twain übernahm Andreas Beurmann selbst. Natürlich waren Kürzungen des Stoffes unumgänglich, und so fielen Toms Bruder Sid, die Ausreißer-Episode Toms in Begleitung von Huckleberry Finn und Joe Harper sowie ein wenig Lokalkolorit vornehmlich aus der ersten Hälfte des Romans notwendigerweise der Schere zum Opfer. In den Mittelpunkt wurden dafür zwei Erzählstränge gerückt: die Ereignisse um Indianer Joe sowie die Liebesgeschichte zwischen Tom und Becky, was im Ergebnis zu einer stringenten Hörspielfassung führt, die genügend Zeit für Charakterisierungen und Beschreibungen lässt. Klugerweise behielt Dr. Beurmann auch den Sprachstil der handelnden Personen bei, wodurch wiederum sehr viel Atmosphäre gewahrt bleibt. Es hätte auch schlecht zu Huckleberry Finn gepasst, wenn dieser sich in druckreifen Dialogen mit Tom Sawyer unterhalten hätte - ein Fehler, den man allerdings in der acht Jahre später erschienenen Fortsetzung »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« beging.

Die Besetzung liegt nach meinen Ohren in den Bereichen gut bis sehr gut: Über Hans Paetsch als Erzähler braucht man nicht viele Worte machen, denn letztlich ist und bleibt er der Erzähler. Ein großer Vorteil dieser Produktion liegt in dem Einsatz echter Kinder für die entsprechenden Rollen von Tom, Huck und Becky. Und alle drei schlagen sich hervorragend. Florian Kühne (Tom Sawyer) spielt, als hätte er nie etwas anderes in seinem Leben getan, Regine Lamster (Becky Thatcher) hält mit und mit kleinen Abstrichen im Vergleich zu seinen beiden Mitstreitern liefert auch Wolf Schenke einen durchweg hörenswerten Huckleberry Finn ab.

Bei den Erwachsenen ist natürlich Horst Fleck zu loben, der über Jahre die Stimme der »Deutschen Wochenschau« war. Mit den Ohren eines in die Jahre gekommenen Hörspielhörers chargiert er sicherlich ein wenig zu sehr, aber für Kinderohren dürfte es niemals einen bedrohlicheren Indianer Joe gegeben haben ... und dies war ja auch letztlich das Ziel. Ihm zur Seite stehen brillant besetzt Rudolf Fenner als bedauernswerter Stadtstreicher Muff Potter, Gerda Gmelin als liebenswürdig-strenge Tante Polly und Benno Gellenbeck als honoriger Richter des Städtchens St. Petersburg. Was die bereits angesprochene übertriebene Darstellung angeht, so muss hier leider Konrad Halver erwähnt werden, der mit seinem Auftritt als schrulliger Pfarrer die ansonsten homogene Szenerie kurzzeitig sprengt.

In technischer Hinsicht leistete man sich einen echten Fehler, indem man gleich zu Beginn in der Friedhofsszene als Gespräch im Hintergrund einen Dialog verwendete, der wenig später eine eigene Szene darstellt. Während Tom und Huck also rätseln, wer da auf den Friedhof kommt, hört man nicht nur die Stimmen von Indianer Joe und Dr. Robinson, sondern - au weia! - auch die des Erzählers. Mit ein wenig mehr Erfahrung im Studio hätte man wissen müssen, dass dies selbst Kindern beim Hören auffällt. Trotzdem bleibt die Friedhofsszene ein Höhepunkt des ersten Teils und wird meiner Meinung nach nur noch durch die unheimlichen Minuten im Bloody House im zweiten Teil übertroffen.

Musikalisch gesehen: Fehlanzeige. Dieses Hörspiel kommt wirklich ohne Musik aus, was dem Hörgenuss jedoch keinen Abbruch tut, und das will etwas heißen. Wer die musikarmen ersten drei Teile des Orientzyklus unter der Regie von Dagmar von Kurmin gehört hat weiß, was ich meine.

Fazit: Eine Produktion, die sich zu Recht über viele Jahre im EUROPA-Katalog hielt und verdientermaßen ihre (leider bearbeitete) Wiederveröffentlichung auf CD erlebte.





Bewertung:










2. Kommentar von Werner





»Als ich mit der Amy Lawrence ...«

(Tom Sawyer)




Weiter kommt Tom Sawyer mit seinem Satz, in dem er seiner neuen Liebe Becky Thatcher das Verlobtsein erklären will, nicht. Welche Frau wird schon gerne so altklug über ihre Vorgängerin, die sie auch noch nicht ausstehen kann, informiert? Bei mir als Hörer hat diese kurze Szene jedenfalls schallendes Gelächter ausgelöst. So geht das natürlich nicht.

Im Jahre 1967 brachte EUROPA die Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn als Zweiteiler heraus, wobei allerdings nur Mark Twains Roman »Tom Sawyers Abenteuer« berücksichtigt wurde. »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« erschienen erst acht Jahre später bei EUROPA.

Die Geschichte spielt in dem kleinen puritanischen Ort St. Petersburg am Mississippi, wo der Waisenjunge Tom Sawyer bei seiner Tante Polly lebt (seine Halbgeschwister Mary und Sid lässt das Hörspiel weg). Immer wieder begeht der Junge Streiche, die der Tante den letzten Nerv rauben und die teilweise auch gefährlich sind. Sein bester Freund ist dabei Huckleberry Finn, ein völlig verwahrloster Junge, aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck, der noch nie eine Schule von innen gesehen hat, nie in die Kirche geht und in einer alten Tonne haust, von den Bürgern der streng moralischen Stadt jedoch durchaus gut behandelt wird - ist er doch schließlich ein armes Waisenkind (oder auch nicht).

Das Hörspiel geht auch gleich in die Vollen: Tom und Huck schleichen nachts mit einer toten Katze auf den örtlichen Friedhof, wo Huck mit einem Hexentrick seine Warzen bekämpfen will. Dabei werden sie Zeugen, wie der Gangster Indianer Joe den Arzt Dr. Robinson ermordet und die Tat dem alten Säufer Muff Potter in die Schuhe schieben will. Aus Angst vor dem brandgefährlichen Joe beschließen die Jungen, zu schweigen, aber in Tom nagt das Gewissen. Er verliebt sich in seine Schulkameradin Becky Thatcher, vergeigt aber die Verlobung und kann sich nur retten, indem er Becky vor einer Tracht Prügel durch den Lehrer bewahrt. Jetzt mutig geworden gesteht er vor Gericht, was er gesehen hat. Der Indianer Joe kann allerdings entkommen. Spannende Frage: Wie hätte sich Huck verhalten? Bei ihm hört man nichts von Gewissensbissen.

Mark Twain veröffentlichte seinen Roman im Jahre 1876 und beschreibt darin teilweise autobiographisch seine eigene Jugend in dem Städtchen Hannibal im US-Bundesstaat Missouri in den 40'er Jahren des 19. Jahrhunderts. Dabei bezieht er allerdings auch Themen ein, die es in Missouri nicht gab: Missouri war kein Staat, in dem die Sklaverei erlaubt war, die im Roman häufig thematisiert wird. Er schafft in diesem Buch ein Gegenbild zu den beliebten Kinderromanen seiner Zeit, in denen Kinder als brav und angepasst dargestellt werden. Das führte dazu, dass der Roman anfangs sogar in einigen Teilen der USA verboten wurde. Insgesamt jedoch ist der Roman doch auch eine idyllische Verklärung der Jugendzeit Twains: Die Moralvorstellungen der Zeit werden nicht wirklich erschüttert. Huck Finn bleibt ein Außenseiter, der aber gern gesehen wird und letztlich auch kein wirklicher Rebell gegen die Gesellschaft ist. Tom neigt zwar zu Streichen, kennt aber letztlich doch die Grenzen und ist durch die strenge Erziehung Tante Pollys, Schule und Kirche schon ein einigermaßen angepasstes Mitglied der Gesellschaft.

Heftig kritisiert wird von den Lesern häufig die Figur des Indianer Joe, der als grausamer Verbrecher dargestellt wird. Aber hier ist Mark Twain auch ein Kind seiner Zeit. Amerikanische Natives waren entweder brave und angepasste oder abgrundtief böse Figuren in der Literatur, das kannte man schon vom »Lederstrumpf«.

Das Hörspiel lässt trotz der Ausdehnung auf zwei Platten die eher lustigen Teile der Geschichte (Wie drückt man sich geschickt davor, einen Zaun zu streichen? Wie lustig ist das Piratenleben auf einer einsamen Insel, wenn man dann auch noch von Verwandten und Freunden für wirklich tot gehalten wird und erst bei der eigenen Trauerfeier wieder auftaucht?) aus und konzentriert sich von Anfang an auf den Kriminalfall. Das wird schon durch die unheimliche Anfangssequenz mit dem Miauen in der dunklen Nacht und dem Schleichen auf den Friedhof sehr spannend rübergebracht. Als dann auch noch die drei Männer unerwartet auftauchen und am Anfang nur leise reden (Trotzdem hört man da schon den Text, den sie später laut sprechen, das ist ein grober Schnitzer). Schaurig, schaurig. Wäre da nicht die lustige Einlage mit Becky, in der sich Tom erst als Trottel und dann als Held zeigen kann, würde das Hörspiel sicher recht düster sein, aber so kommt Mark Twains Heiterkeit - und feine Ironie - doch sehr schön rüber.

Die Sprecher sind glücklich ausgewählt: Hans Paetsch als Erzähler wie immer in bester Form, herrlich böse Horst Flecks Indianer Joe. Benno Gellenbeck ist ein sympathischer Richter. Sehr gut gefällt mir Rudolf Fenner als Muff Potter, ein wirklich armer Hund, dem übel mitgespielt und viel Unrecht getan wird, weil er nun mal in die Moralvorstellungen der bürgerlichen Welt nicht passen will. Gerda Gmelin ist als Tante Polly gut besetzt, allerdings hat sie keine Möglichkeit, ihr manchmal im Buch durchblitzendes Verständnis für Toms Streiche zu zeigen. Auch die Kinder gefallen mir gut, allen voran Florian Kühne als Tom. Regine Lamster als Becky (sie wurde wirklich Schauspielerin und taucht auch heute noch gelegentlich in Hörspielen auf) und Wolf Schenke als Huck können recht gut mithalten.

Geräuschetechnisch hat man bei dieser Aufnahme, die immer noch im Haus von Dr. Andreas Beurmann stattfand, kräftig zugelangt, musikalisch ist das Hörspiel eine Fehlanzeige, was aber überhaupt nicht stört. Das Hörspiel entstand 1967, ein Jahr später kam der berühmte Weihnachtsvierteiler im ZDF heraus. Wusste man das bereits? Auf jeden Fall dürfte die Verfilmung dem Verkauf der LP sehr gutgetan haben.

Hier ist ein sehr gelungener erster Teil entstanden, der neugierig auf die Fortsetzung macht, die, so viel sei verraten, durchaus mithalten kann. Das Hörspiel hat seine fünf Mucks verdient.





Bewertung: