E 223
Ri-ra-rutsch



Kommentar von Pitichinaccio





Fairy Tale Pop Sounds

Musik aus einer Welt ohne Horror ...




Als man 1966 die »Kinderserie« mit zwölf Titeln unter den Katalognummern E 201 bis E 212 startete, war dies sicher einer der zahllosen Versuchsballons, die man über die Jahre bei Miller International aufsteigen ließ. Bisher hatte man sich - wenn auch auf breiter Front - in erster Linie der erwachsenen Käuferschicht zugewandt, nun also galt die Offensive dem jüngeren Publikum. Vielleicht hatte sich auch gezeigt, dass die Lesungen von »Grimms Märchen« aus dem Jahr 1964 sowie »Max und Moritz«, »Der Struwwelpeter« und »Zehn kleine Negerlein« aus dem Jahr 1965 großen Anklang fanden - was sicherlich auch dem unschlagbaren Rezitator Hans Paetsch zu verdanken war.

Nun, Märchen von einem fast durchgehend erzählten Text in Dialoge umzuwandeln, war sicherlich eine Herausforderung, für die ein gewisses Talent vonnöten war, aber sie stellte kein wirkliches Hindernis dar. Die Texte der Gebrüder Grimm und anderer Schriftsteller waren in der Regel rechtefrei, sodass jeder sie verwenden und bearbeiten durfte. Auch die für die Hörspiele benötigten Geräusche ließen sich in den allermeisten Fällen in eigener Regie herstellen. Aber was war mit der Musik? Man konnte - zu Recht - wohl kaum davon ausgehen, Kinderohren regelmäßig über eine Dauer von 30 bis 50 Minuten mit Text zu beschallen, ohne hier und da eine kleine musikalische Unterbrechung einzubauen.

Eine kostengünstige Lösung boten da - neben Peter Tschaikowskys Ballett-Suiten - die beiden bereits im Miller-Programm befindlichen LPs mit Kinderliedern (»Unsere schönsten Kinderlieder«, somerset 579 und »Kinderlieder«, E 202), derer man sich entweder in ganzer Länge, bei einzelnen Strophen oder nur bezüglich der instrumentalen Ein- oder Ausleitung bediente. Allerdings war hier die Auswahl recht begrenzt, denn viele der Nummern eigneten sich nicht als Hörspieluntermalung.

Spürbare Bewegung kam dann aber bereits ein Jahr später, also 1967, in die Sache, als man die »Kinderlieder« mit dem Kinderchor Vera Schink um eine weitere Folge ergänzte: »Ri-ra-rutsch« mit der Katalognummer E 223, die später zur Klarstellung den Untertitel »Kinderlieder« erhielt. Hier war nur - absichtlich oder nicht - ein ganzer Fundus von Melodien verfügbar, die man zur Abrundung der Hörspielszenen einsetzen konnte. Man verwendete wie gewohnt die Ein- und Ausleitungen, aber nun auch die Aufnahmen des Orchesters ohne den Kinderchor.

Diese Aufnahmen sollten sich von 1967 durch die ganze LP-Zeit hindurch bis 1982 im Musikrepertoire der Kinderhörspiele halten. Von den insgesamt 27 Liedern dieser LP wurden folgende elf Titel regelmäßig verwendet:

• »Als unser Mops ein Möpschen war«
• »Wer die Gans gestohlen hat«
• »Ri-ra-rutsch«
• »Ich geh' durch einen grasgrünen Wald«
• »Vögelein im Tannenwald«
• »Eine kleine Geige möcht' ich haben«
• »Jetzt danzt Hannemann«
• »Vöglein im hohen Baum«
• »In meinem kleinen Apfel« (selten)
• »So geht es im Schnützelputzhäus'l«
• »Wulle, wulle, Gänschen«

Jedem, der auch nur die eine oder andere Märchenschallplatte sein Eigen nannte, wird ein guter Teil dieser Lieder bekannt sein. Das Orchester besteht aus wenigen Instrumenten und bietet eine gefällige, aber Kinderliedern durchaus angemessene musikalische Untermalung. Sicher, unter diesen Nummern verbergen sich keine Hits, aber der Vergleich mit den LPs »Horror Pop Sounds - Musik aus der Welt des Horrors« und »Die drei ??? - Die Original-Musik der EUROPA-Jugend-Serie« sei insoweit gewagt, als dass der Hörer auch hier durchaus Musikstücke präsentiert bekommt, die aus den EUROPA-Märchen nicht wegzudenken sind.

Dies ist auch der Grund, warum die »Kinderlieder«-LPs auf dieser Homepage mitzuerfassen waren. Natürlich sind sie keine Hörspiele im engeren Sinn, aber sie sind untrennbar mit dem Hörspielprogramm verbunden. Ließe man sie bei der Übersicht aus, so müsste man dies konsequenterweise auch mit den oben bereits erwähnten, reinen Musikfolgen der Gruselserie und der »drei ???« tun.

Fazit: Vom musikalischen Standpunkt aus gesehen handelt es sich bei der vorliegenden LP um eine gelungene Aufnahme, die man gleichwohl nicht als 'unverzichtbar' bezeichnen kann. Als eine Zusammenstellung von Hörspielmusik der EUROPA-Märchen gehört sie aus meiner Sicht jedoch in jedem Fall ins Archiv - gleich neben die »Horror Pop Sounds«.





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