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Der Schatz im Silbersee

1. Folge




Kommentar von Carl Mai





Cornel Brinkley: »Habe ich Dich, Du hinterlistige Ratte!«




Zur Buchvorlage

Karl Mays Jugenderzählung »Der Schatz im Silbersee« erschien erstmals 1890/91 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift. Die erste Buchausgabe stammt von 1894. EUROPA setze den Roman als Hörspiel in zwei Folgen um.

Diese erste Folge setzt von den 15 Kapiteln des Romans die ersten sieben um. Auf dem Raddampfer »Dogfish« fährt eine Gruppe von Tramps (Wanderarbeitern) den Arkansas hinauf. Ihr Anführer ist der verbrecherische Brinkley, der wegen seiner roten Haare einfach »der Rote Cornel« genannt wird. Er und seine Leute sind auf dem Weg zum Silbersee, wo sie anhand einer gestohlenen Karte einen sagenhaften Schatz zu finden hoffen. An Bord befinden sich auch der Westmann Old Firehand und die Tonkawa-Indianer »Großer Bär« und »Kleiner Bär«, Vater und Sohn. Letzteren gehört der Silbersee und damit der Schatz.

Old Firehand ist ebenfalls auf dem Weg zum Silbersee, um dort eine Silberader zu erschließen. Einem an Bord befindlichen schwarzen Panther gelingt während seiner Fütterung und durch die grausame Tötung seines Dompteurs die Flucht aus dem Käfig, so daß eine Panik entsteht. »Kleiner Bär« rettet dabei der Tochter des Ingenieurs Patterson das Leben. Als der Panther von Bord springt, wird er von "Tante" Droll erschossen, der mit einem Floß auf dem Fluß unterwegs ist und anschließend an Bord kommt. Dieser ist Geheimpolizist und auf der Suche nach Brinkley. Nachts stiehlt der Cornel die Barschaft des Ingenieurs und flieht mit seinen Tramps von Bord. Sie überfallen eine Gruppe Rafters (Holzfäller), die aber von Old Firehand und seinen Verbündeten befreit werden. Der Cornel kann entfliehen und versucht, mit einigen Verbündeten Butlers Farm einzunehmen, was wiederum von Old Firehand mit Hilfe der Osagen verhindert wird.



Mein Kommentar

Der vielleicht populärste Roman Karl Mays diente als Vorlage des ersten und wohl erfolgreichsten der sogenannten Karl-May-Filme, die Anfang der 1960'er Jahre in die deutschen Kinos kamen. Wohl aus demselben wurde der Roman auch bei EUROPA als Auftakt der Karl-May-Hörspiele umgesetzt. Unter der Hörspielbearbeitung und Regie Konrad Halvers, der erst im Jahr zuvor bei EUROPA angeheuert hatte, entstand hier ein Geniestreich, der sich über Jahrzehnte auf Plattentellern, in Cassettenrecordern und zuletzt in CD-Spielern bewähren sollte. Grundsätzlich positiv zu bewerten ist die Idee, den komplexen Roman auf insgesamt zwei Langspielplatten von jeweils über 43 Minuten Spielzeit zu verteilen. Es wäre lohnenswert gewesen, wenn man dieses Arbeitsprinzip für weitere Vertonungen beibehalten hätte. Der Roman ist bis auf wenige, sinnvolle Kürzungen und unter Auslassung einiger Charaktere wie Gunstick Uncle sowie Lord Castlepool geschlossen vertont worden.

In dieser ersten Folge dominieren die beiden Charaktere Cornel Brinkley und Old Firehand. Peter Folken hat hier in der Verkörperung des Roten Cornels Hörspielgeschichte geschrieben. Old Firehand wird von Benno Gellenbeck markig-beeindruckend dargestellt. Der Roman ist hier handlungsstark und spannungshaltend umgesetzt worden. Dampfgeräusche und Wassergegurgel wechseln mit kurzen, orchestralen Musikeinsätzen.

Auffallend ist der Umstand, daß neben der Beschreibung von Gewaltszenen dieselben auch beeindruckend zu Gehör gebracht werden. Kurzum: In diesem Hörspiel geht die Post ab! »Und kaum erblickte das Raubtier den Bändiger, hatte es dessen Kopf schon im Rachen und zerkrachte ihn mit einem einzigen Biß zu Splittern und Brei.« Zwar mag das daran anschließende Geräusch - es soll sich um die Geräuschkonserve einer einstürzenden Holzbrücke handeln - ein wenig zu drastisch klingen, doch der vorangestellte Satz ist fast genau in dieser Form bei Karl May nachzulesen. Noch weitere Passagen ähnlichen Kalibers folgen: »... und schreiend sank er rücklings zu Boden.«, »... da erhielt er von ihm einen solchen Tritt in den Magen, daß er ohnmächtig zu Boden sank.« und »Ein gezielter Stich ins Herz, und das Opfer sank röchelnd zu Boden.« Da wird skalpiert, getötet »wie die Fliegen« und am Schluß werden Leichen gezählt. Das klingt, wenn man nur die seichte Umsetzung der Filmversion kennt, natürlich sehr gewöhnungsbedürftig, aber es ist eben der wahre Karl May.

Dem aufmerksamen Hörer müssen dagegen einige technische Fehler viel deutlicher auffallen: Der Schrei einer Frau kurz nach der Ankündigung des Tierbändigers, daß sich im Käfig ein schwarzer Panther befindet, setzt zu spät ein und wirkt unangemessen hysterisch. Kurz nach dem Ausbruch des Panthers wird wiederum ein Schrei ausgestoßen. Hier nun stimmt die Einlage. Im Kampfgeschrei am Ende der ersten Seite ist im Hintergrund auch Gelächter zu hören. Es handelt sich um dieselbe Gelächteraufnahme, die man anfangs auf dem Dampfer als Gelächter der Tramps vernimmt. Der Cornel stöhnt vor Schmerzen und antwortet dann von einer Sekunde zur anderen völlig problemlos auf die Fragen Old Firehands. Auch sprachliche Holperer sind zu verzeichnen: Nach Hans Paetsch Paetsch handelt es sich um einen Black Beer-Fluß ("Bier") statt einen Black Bear-Fluß ("Bär"). Paetsch spricht auch den Namen des Flusses Arkansas (phonetisch richtig: "Ar-ken-sor") falsch aus. Diese äußeren Unstimmigkeiten mindern jedoch nicht Spannung und Dichte dieser Umsetzung.

Kuriosa: Für Benno Gellenbeck war »Der Schatz im Silbersee« kein Neuland. Er hatte in der Philips/FASS-Version des Hörspiels 1962 den Häuptling »Großer Wolf« gesprochen und war im selben Jahr auch als Synchronsprecher des Woodward in der Verfilmung von »Der Schatz im Silbersee« zu hören.





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