E 243
Winnetou I

2. Folge




Kommentar von Carl Mai





»Winnetou, mein Bruder, räche ... räche mich!«

(Nscho-tschi)




Zur Buchvorlage

Karl Mays Roman »Winnetou der Rote Gentleman. 1. Band.« erschien in Buchform erstmals 1893. Bis auf die Schilderung eines Greenhorns, die aus der Erzählung »Der Scout« stammte, hatte May den Roman eigens für die Buchausgabe geschrieben. Er war also bis auf die genannte Stelle nicht zuvor als Fortsetzungsroman in Zeitschriften erschienen. Dieser Umstand führte dazu, daß der Band - anders als die zwei Folgebände - eine sehr geschlossene Handlung aufweist. Ab 1904 ließ Karl May den Titel auf das heute noch verwendete »Winnetou. 1. Band.« verkürzen. 1908 erschien eine illustrierte Ausgabe unter dem Titel »Winnetou I«. Diese Titelkurzfassung, die zudem auch regelmäßig auf den Buchrücken Verwendung fand, hat sich umgangssprachlich durchgesetzt.

Da Old Shatterhand den Zweikampf mit Intschu-tschuna gewonnen hat, sind er und seine weißen Gefährten frei. Rattler dagegen bleibt gefangen und soll als Mörder Klekih-petras zu Tode gemartert werden. Anhand einer abgeschnittenen Haarlocke kann Old Shatterhand belegen, daß er Intschu-tschuna und Winnetou aus der Gefangenschaft der Kiowas befreit und damit vor dem Tod gerettet hatte. Nun fordert er von Tangua Rechenschaft für dessen Verleumdung und Lügen. In einem Zweikampf zerschießt er Tangua beide Kniescheiben, sodaß dieser zeitlebens nicht mehr gehen kann und zum Todfeind Old Shatterhands wird.

Rattler soll nun seine Strafe erhalten. Old Shatterhand bittet um einen gnädigeren Tod für ihn. Da Rattler nicht um Verzeihung bitten möchte, erhält er dennoch die Marter. Da er sich äußerst unkriegerisch und feige verhält, wird er erschossen. Winnetou und Old Shatterhand schließen Blutsbrüderschaft. Fortan nennt Winnetou seinen Blutsbruder »Scharlih« in Anlehnung an das englische »Charley«, was auf das deutsche »Karl« zurückzuführen ist.

Nscho-tschi hat sich unterdessen in Old Shatterhand verliebt. Aus diesem Grund fragt Intschu-tschuna Old Shatterhand, ob eine Ehe zwischen einem Weißen und einer Indianerin möglich sei. Shatterhand bestätigt dies, sofern die Indianerin Christin sei und die Ehe von einem Priester geschlossen werde. Daraufhin beschließt Intschu-tschuna, daß seine Tochter in den Osten nach St. Louis gehen darf, um so zu werden wie eine weiße Squaw. Old Shatterhand darf seine Landvermessungen zu Ende führen. Da sämtlich Landvermesser bei den Indianerüberfällen von Kiowas und Apatschen getötet wurden, helfen ihm nun die Apatschen, das Vermessen der Bahnstrecke abzuschließen.

Anschließend bricht der Trupp bestehend aus Old Shatterhand, Hawkens, Stone, Parker, Winnetou, Intschu-tschuna, Nscho-tschi und einigen Kriegern Richtung St. Louis auf. Da Intschu-tschuna seiner Tochter Gold aus einem Nuggetvorkommen für den Aufenthalt in St. Louis mitgeben möchte, wird zuvor noch eine Fundstätte von Gold am Nugget-Tsil aufgesucht. Hier trifft der Trupp auf vier zwielichtige Figuren, Santer und seine Helfer, die richtig vermuten, daß die Indianer in den Bergen Gold holen wollen. Die vier Kumpanen folgen heimlich dem Trupp. Sie erschießen Intschu-tschuna und Nscho-tschi, als diese den Nugget-Tsil erklettern. Old Shatterhand kann wiederum Santers Gehilfen erschießen, doch Santer entkommt. Da Sam Hawkens von den Kiowas gefangen genommen wird, muß sich Old Shatterhand um diesen kümmern, während Winnetou Santer verfolgt. So trennen sich die Wege der beiden.



Mein Kommentar

Das Hörspiel umfaßt aus dem Roman »Winnetou I« von 22 Kapiteln die Kapitel 14 bis 21.

Konrad Halver setzte sich mit seinem edel-gebieterischen Sprachduktus in der Rolle des Winnetou ein Denkmal in der Hörspielgeschichte. Die Idee, Winnetous Auftritt grundsätzlich mit einem Ankündigungs- oder Wiedererkennungs-Musikthema zu unterlegen, scheint von den Karl-May-Filmen der 1960er Jahre herzurühren, in denen ähnlich verfahren wurde. Auch Michael Poelchau spielte grandios. Insgesamt legte man bei der Umsetzung des Romans ähnlich wie bei derjenigen von »Der Schatz im Silbersee« den Schwerpunkt auf realistische Handlung. Die Geräuschkulisse, bestehend aus Bärengebrüll, Pferdegewieher, Schußwechseln usw. macht das Ganze sehr authentisch.

Das Hörspiel enthält kaum dialogische Umsetzung, sondern betont Handlung und Action. Daraus resultiert auch die harte und teils brutale Schilderung und Vertonung von Kampfszenen und Todesdarstellungen. Diese nicht gerade kindgerechte Darstellung bildete den krassen Gegensatz zu den weichgespülten Verfilmungen der Karl-May-Romane in den 1960er Jahren. Aber genau das wollten kleine Jungen hören! Und so wurden die »Winnetou«-Hörspiele aus dem Hause EUROPA mit Konrad Halver als Winnetou zu einem gigantischen Verkaufsschlager.

Das Hörspiel beginnt mit einer Rückschau von 01'20" Minuten, um an die Handlung der ersten Folge anzuknüpfen. Die Marter bzw. Folter Rattlers wird dann allzu deutlich umgesetzt. Das Werfen der Messer und die darauffolgenden Schmerzensschreie Rattlers klingen äußerst authentisch und deshalb besonders grausam. Abgesehen von dem äußerst anstrengenden Gebrüll Rattlers nimmt der Folterkomplex einen unverhältnismäßig großen Anteil an der ohnehin kurzen LP ein. Einen kleine, inhaltliche Ungenauigkeit beinhaltet das Duell Old Shatterhands und Tanguas: Es wird nicht deutlich, daß Shatterhand nur deshalb beide Knie des Kiowa treffen kann, da Tangua sich aus Furcht, und um den Gegner wenig Angriffsfläche zu bieten, seitlich zu seinem Gegenüber gestellt hat. Die Befreiung Sam Hawkens' in Kapitel 22 der Buchvorlage wurde auf die Anschluß-LP »Winnetou II (1. Folge)« übertragen.

Bei der »Winnetou«-Trilogie handelt es sich um eine Parallelaufnahme zu »Der Schatz im Silbersee«, was an der Rollenverteilung klar zu erkennen ist: Sprach dort Peter Folken den Schurken Cornel Brinkley, so leiht er nun ebenso markant dem Schurken Santer seine Stimme. War im »Silbersee« Josef Dahmen als fieser »Großer Wolf« aufgetreten, so spricht er hier den nicht minder fiesen Häuptling Tangua. Sprach im »Silbersee« Hans König den jungen Indianer »Kleiner Bär«, so ist er hier als junger Indianer Pida zu hören. War im »Silbersee« Horst Beck als kauzige "Tante" Droll zu hören, so glänzt dieser hier als kauziger Sam Hawkens. Dies tut den Qualitäten der einzelnen Sprecher selbstverständlich keinen Abbruch. In der Folge hatte dies bei den Hörern jedoch den Effekt, daß die genannten Charaktere in beiden Hörspielen weniger individuell nachhallten, sondern sich im Gedächtnis des Hörers teils vermischten.

In der ersten Umsetzung eines Karl-May-Stoffs, bei »Der Schatz im Silbersee«, hatte man sich im Hause EUROPA aufgrund der großzügigen Verteilung auf zweimal über 43 Minuten sehr viel Spielraum für die Handlung genommen. Hier ist das umgekehrte Phänomen zu beobachten. Zwar suggeriert die Zählung der Reihe mit zwei LP-Folgen pro Roman, daß wiederum viel Zeit pro Roman bereitgestellt worden sei. Wenn man die Laufzeiten der LP-Seiten betrachtet bzw. summiert, so stellt sich jedoch heraus, daß jeder Teil der Trilogie in nur etwa zweimal 30 Minuten behandelt wird. Wünschenswert wäre gewesen, wenn jedem »Winnetou«-Teil wie beim »Silbersee« zweimal über 40 Minuten zugestanden worden wären. Die 60 Minuten pro Folge waren zuviel, um sie auf eine LP zu pressen, waren aber deutlich zu kurz, um jeweils zwei LPs damit zu befüllen. Zwei der zwölf LP-Seiten sind kaum über 11 Minuten lang.

Das Cover zeigt eine Szene von den Karl-May-Festspielen Bad Segeberg.





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