E 270
Hui Buh
das Schloßgespenst




Kommentar von Pitichinaccio





Manche Leute sagen:

Sternstunden kann man nicht planen!




Aus der Produktionsserie von 1969, welche viele bekannte Stars der Film- und Fernsehlandschaft vor dem EUROPA-Mikrophon versammelte, sollte vor allem ein Hörspiel so unsterblich werden wie dessen Titelfigur: »Hui Buh das Schloßgespenst«.

Seitens Miller International wurde immer wieder gern kolportiert, daß die Idee für diese Geschichte von Andreas Beurmann ausgegangen sein soll. Die Geburtsstunde jenes Unglückgeistes lag jedoch auch schon damals ein paar Jahre zurück. Bereits 1965 erschien eine kleine Hörspielreihe um den Geist von Schloß Burgeck beim Südwestfunk, die mit der vorliegenden Produktion (außer der Handlung natürlich) keine Berührungspunkte hat. Auch wird in Millerhausen gern mal vergessen, daß die Regie der ersten Folge bei Konrad Halver und noch nicht bei Heikedine Körting lag.

Das Eigentümliche bei diesem Hörspiel ist, daß vor allem die Hauptrollen so passend besetzt sind, daß man schon fast von einem festen Plan bei der Verpflichtung der Schauspieler ausgehen möchte. Gut, Hans Paetsch gehörte zum festen Ensemble der EUROPA-Sprecher, ebenso wie Michael Poelchau und Heike Kintzel. Claus Wilcke, Hans Clarin, Ingrid Andree, Hellmut Lange und Gisela Trowe jedoch waren neu hinzugekommen - und deren Beteiligung wurde auch kräftig auf den Coverrückseiten beworben.

Dabei wurden gerade bei dieser kleinen Produktionsreihe von 1969, die neben »Hui Buh das Schloßgespenst« auch

• »Klaus Störtebeker« (E 248)
• »Raumschiff UX3 antwortet nicht (E 271)
• »Ivanhoe« (E 274)
• »Old Surehand I & II« (E 275 & E 276)
• »Das Vermächtnis des Inka« (E 277)
• »Schauergeschichten« (E 278) und
• »Dornröschen / Hans im Glück« (E 279)

umfaßt, alle Sprecher getrennt aufgenommen und erst später zusammengemixt. Ja, selbst Hans Paetsch und Hans Clarin begegneten sich nicht im Studio - eine kleine Ernüchterung, nachdem man beiden bei ihrem einleitenden Streitgespräch so oft gelauscht hat. Gleichwohl wirkt die gesamte Aufnahme »wie aus einem Guß«.

Natürlich verdankt die Produktion einen Großteil ihrer Wirkung dem grandiosen Wortwitz von Eberhard Alexander-Burgh, der ein klassisches Gespenst in der Gegenwart von modernen Personen spuken läßt, welche doch oft recht nüchtern mit dem Verstorbenen umgehen. Man denke nur an die Reaktion König Julius', der den ihm entgegengeworfenen Totenkopf mit der Bemerkung goutiert:

»Pfui Teufel, muß das sein? Gerade in die Blaubeersuppe! Die Flecken auf dem Tischtuch gehen nie wieder heraus! Wer sind Sie überhaupt?«

Dem aufmerksamen Hörer wird natürlich nicht entgangen sein, daß die Geschichte eigentlich mit der Hochzeit von König Julius und Prinzessin Konstantia sowie Hui Buhs Feststellung, er möchte nie erlöst werden, ihr Ende findet. Allein der enorme Erfolg des Hörspiels zwang Eberhard Alexander-Burgh und Heikedine Körting ab 1973 zu einer Fortsetzung.

Aber auch die Beteiligten - von einem »Team« möchte man ja angesichts der Aufnahmepraxis gar nicht sprechen - sind ihre Gage wert. Claus Wilcke liefert mit der Rolle des leicht blasierten, aber dennoch sympathischen König Julius seine beste Leistung innerhalb der oben genannten Hörspiele ab. Auch paßt für meine Ohren niemand besser für den in die Jahre gekommenen Schloßkastellan als Konrad Mayerhoff, der leider kurz nach den Aufnahmen verstarb.

Hellmut Lange schlägt sich wie in allen seinen EUROPA-Auftritten grandios und präsentiert einen glaubhaft vertrottelten Professor Schlaumeier. Glanzvoller Schlußpunkt der Aufnahme sind dann Ingrid Andree und Gisela Trowe, wobei vor allem letztere als blasierte Schwiegermutter punktet.

Dreh- und Angelpunkt der Aufnahme ist natürlich Hans Clarin in der Titelrolle, deren Interpretation ihm völlig zu Recht einen enormen Ruhm bescherte. Zeigte sich auch über die Jahre, daß er sich die Stimmbänder als Sprecher von Hui Buh und Pumuckl ruiniert hatte, so schuf er sich mit seiner Darstellung des Schloßgespenstes sein eigenes Denkmal.

Auch wenn die eingesetzte Musik weit hinter den Maßstäben schon damaliger Produktionen zurückbleibt, so ist abschließend ebenso Konrad Halver Dank zu sagen, der mit Handwerksarbeit und Geschick einen Meilenstein der Hörspielgeschichte schuf. (In dieser Produktion wirkt er nur im Hintergrund mit und sorgt für ein durchgehendes Stöhnen, als Hui Buh in der vermoderten Holztruhe hinter den Dieben herschwebt.)

Was das Cover betrifft, so lieferten Marion Langeheineken und Benito Tonon eine sehr unheimliche Szenerie sowie einen recht bedrohlichen Geist, der später durch den Zeichner Hans Möller etwas kinderfreundlicher wurde. Gleichwohl ist die Spukschloßatmosphäre des Ur-Covers unglaublich dicht geraten.

Nach all diesen Worten dürfte es klar sein, warum es genau diese Schallplatte sein mußte, die mir Hans Paetsch 1996 bei einem Besuch in seinem Haus in Hamburg-Volksdorf signieren sollte. Und seinen Worten von einem »höchst vergnüglichen Abend« darf ich wohl hinzufügen, daß es auch ein ebenso unvergeßlicher Abend bleiben wird.

Fazit: unzerreißbare Hörspielware, von denen die Kinderwelt nie genug haben kann.





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