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Kommentar von Carl Mai





»Ja, Abigail Morris, ich verhafte Sie wegen Mordes ... an diesem Mann! Wegen Mordes an Ihrem Mann!«

(Sheriff Danton)




»Kein Fall für Sheriff Danton« -
ein Machwerk aus dem Wilden Westen

Zunächst einmal ... Wäre ich nicht mit vorgehaltenem Revolver von Old Pitichinaccio dazu genötigt worden, diesen Kommentar in seinem Office zu schreiben - ich hätte es wohl nie getan. Als angeblicher Fachmann für den "Wilden Westen" wurde ich von ihm offenbar als genau der Richtige dafür angesehen, über das Hörspiel Gericht zu halten. Doch hat dieses Hörspiel überhaupt mit dem Wilden Westen zu tun? Bei meiner patronendurchlöcherten Hutkrempe - wir werden sehen!

Bei dem Hörspiel handelt es sich um eine von fünf Produktionen, die Miller/EUROPA fertig produziert vom Studio Windrose-Dumont-Time ins eigene Programm übernommen hat. Aus diesem Grund ist nicht das gewohnte Sprecherpersonal aus dem Hause EUROPA zu hören. Regie führte bei diesen Produktionen Hartmut Kiesewetter, der für EUROPA selbst nie tätig war. Andreas von der Meden war erst ab 1970 auf Eigenproduktionen von EUROPA zu hören; Ingeburg Kanstein erst 1974. Frank Straass wurde auf vielen Labels jenseits von EUROPA bekannt. Auch Kurt Stephan war nie auf "echten" EUROPA-Hörspielen zu vernehmen, häufig jedoch auf Konkurrenzveröffentlichungen.

Ein Umstand unterscheidet dieses Windrose-Dumont-Time-Hörspiel allerdings von den anderen seinerzeit von EUROPA zugekauften - und im Übrigen von allen originalen EUROPA-Hörspielen: Bei »Kein Fall für Sheriff Danton« handelt es sich um das einzige Hörspiel, bei dem der hoch geschätzte Andreas Beurmann die titelgebende Hauptrolle gesprochen hat - wenn auch nur sehr kurz, aber immerhin genau zehn Jahre bevor er nach zahllosen Nebenrollen erstmals in seiner bekanntesten Rolle als Titus Jonas - dem Onkel von Justus Jonas von den »drei ???« - zu hören war.

Die Auftaktmusik mit dem Titel »Ol' Joe Clark« - entnommen der LP »Original Country & Western Music« - lässt zunächst Gutes erhoffen - ist es doch dieselbe Musik, mit der der ein Jahr zuvor entstandene Zweiteiler »Der Schatz im Silbersee« - ein Meilenstein der EUROPA-Hörspielgeschichte - eröffnet wurde. Doch bereits der anschließende Dialog zwischen Herb Morris und seiner Frau Abigail (Frank Strass und Ingeburg Kanstein) erinnert mit dem aus dem Ärmel geschüttelten Plan eines Überfalls doch eher an ein Stück aus dem Bauerntheater. Dieses viel zu lange Gespräch veranschaulicht besonders gut, dass es sich bei der Aufnahme um keine der so glänzend eingespielten EUROPA-Produktionen handelt.

Auch der anschließende Überfall wirkt sehr hölzern. Kurioserweise erinnern die Dialoge des Ehepaars Morris während des gesamten Hörspiels unfreiwillig an den flapsigen Austausch des Pärchens Tom Fawley und Eireen Fox (Horst Frank und Brigitte Kollecker) in mehreren Gruselgeschichten von EUROPA, welche zehn Jahre später entstanden sind und bewusst locker inszeniert sind.

Tatsächlich ist dies im Grunde gar kein Fall für Sherriff Danton - denn dieser bleibt fast über die komplette Spielzeit des Hörspiels der Handlung fern. Erst in den letzten zwei Minuten hat der Sheriff einen fulminanten Auftritt. Leider bleibt er aber nicht als großer "Aufräumer" im Gedächtnis, sondern als der Sprecher mit den unnatürlichsten Betonungen. Beim großen Manitou! Lieber Herr Beurmann, das ging doch in vorangegangenen Hörspielen schon besser.

Bei den Todesschreien des Herb Morris handelt es sich nicht um die Stimme von Frank Straass, sondern um dieselbe Aufnahme, die auch im EUROPA-Hörspiel »Der Schatz im Silbersee« (1. Folge) verwendet wurde. Aber auch dort werden die Schreie und das Gestöhne nicht von Peter Folken in der Rolle des Cornel Brinkley ausgestoßen. Von wem die Laute ursprünglich stammen, bleibt ungeklärt. Der Autor dieses Hörspiels wird, wie in allen von EUROPA übernommenen Hörspielen des Studio Windrose-Dumont-Time, nicht genannt. Es lohnt nicht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Auf der LP-Rückseite werden erstaunlicherweise keine Hörspiele, sondern ausschließlich Musikproduktionen aus dem Hause EUROPA beworben.

Fazit: Würde dieses Hörspiel nicht unglücklicherweise ein Logo des ehrwürdigen EUROPA-Labels tragen, wären wir wohl nie darauf gestoßen und müssten es hier nicht präsentieren. Old Pitichinaccio, bevor Ihr mich noch einmal zwingt, für ein Windrose-Dumont-Time-Hörspiel einen Kommentar zu verfassen, pumpt mich lieber voll mit einer Ladung Blei!





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P.S. von der Redaktion: