E 2016
Orientzyklus (3) Von Bagdad nach Stambul




Kommentar von Carl Mai





»Halef, ich ... ich habe ... die Pest!«

(Kara Ben Nemsi)




Zum »Orientzyklus« allgemein

Karl Mays Reiseerzählung »Von Bagdad nach Stambul« ist Teil des sechsbändigen Orientzyklus, der in Gänze aus folgenden Bänden besteht:




»Durch die Wüste«
»Durchs wilde Kurdistan«
»Von Bagdad nach Stambul«
»In den Schluchten des Balkan«
»Durch das Land der Skipetaren«
»Der Schut«


Wie die Titel bereits verraten, findet die Handlung der Bände über einen großen geographischen Raum verteilt statt.

Der Orientzyklus erschien zunächst in den Jahren 1881-1888 als fortgesetzte Erzählung in einer Zeitschrift. 1892 wurde er in sechs Einzelbänden in Buchform veröffentlicht. Lediglich das Kapitel »Anhang« im Band »Der Schut«, welches Rihs Tod schildert, ist als Ergänzung eigens für die Buchausgabe verfaßt worden. Der Band »Durch die Wüste« hieß zunächst noch »Durch Wüste und Harem«. In diesen sechs Bänden, den ersten Buchausgaben seiner Reiseerzählungen überhaupt, erzielte May einen Höhepunkt seines erzählerischen Könnens, den er später selten wieder erreicht hat. Die Wirkungsgeschichte der sechs Orientbände ist nur vergleichbar mit derjenigen der Winnetou-Trilogie. Ganze Generationen von Kindern und Erwachsenen haben hieraus erstmals Begriffe wie Emir, Effendi, Pascha, Kismet, Bakschisch, Koran, Sure, Dschehennah, Scheich usw. kennengelernt. Durch die Bände sind Kenntnisse von der Lebensart der Beduinen und Nomaden sowie die Vorstellung von der Landschaft des zerklüfteten Balkangebirges vermittelt worden. Der Begriff des "wilden Kurdistan" ist zum geflügelten Wort geworden.

Die äußere Handlung ist may-typisch eine Folge von Gefangennahmen, Befreiungen, Kämpfen, Gerichtsverhandlungen und komischen Einlagen, wobei sich zuerst bruchstückhaft und dann konsequent die Jagd einer Verbrecherbande herauskristallisiert. Einen besonderen Schutz genießt die Hauptfigur Kara Ben Nemsi durch ein Schreiben (Bujuruldu) des Padischah, also des Großherrn des Osmanischen Reiches, welches bis 1922 existierte. Trotz der abenteuerlichen Handlung und der exotischen Schauplätze sind biographische Einflüsse offenbar: Karl May hat die Romanfigur des Halef als seine eigene Anima bezeichnet. Und so ähnelt Halef dem echten May von der Charakteristik und Physis auch viel mehr als die nahezu allwissende und unüberwindbare Heldenfigur des Kara Ben Nemsi. Der Ich-Erzähler, das fiktive Karl-May-Ich beziehungsweise die Figur des Kara Ben Nemsi ("Sohn der Deutschen"), ist derselbe, welcher in den Romanen im Wilden Westen unter dem Namen Old Shatterhand bekannt ist.

Die Hörspielumsetzung des Zyklus bei EUROPA weist eine Eigenheit auf: Es ist an der Sprecherbesetzung, der Gestaltung der Schallplattenhüllen, der Musikauswahl sowie in der Auswahl der Handlungsstränge klar zu erkennen, daß die Aufnahmen »Durch die Wüste«, »Durchs wilde Kurdistan« und »Von Bagdad nach Stambul« in einer Produktionsphase entstanden sind. So belegt die Covergestaltung der ersten drei Hörspiele mit Szenen aus den Bad Segeberger Karl-May-Festspielen, daß diese in einer Marge in die Produktion gegangen sein müssen. Die Cover-Gestaltung lehnte sich an die Optik aller vorangegangenen Karl-May-Hörspiele von EUROPA an und wurde nach den ersten drei Teilen der Orientserie fallen gelassen. Die übrigen drei Bände des Zyklus hat man zu vier Hörspielen umgewandelt: »In den Schluchten des Balkan«, »Durch das Land der Skipetaren«, »Der Schut« und - ebenfalls aus dem Roman »Der Schut« - »Kara Ben Halef«. Die vier letztgenannten LPs erhielten gezeichnete Cover. In den ersten drei Teilen der Serie wird Kara Ben Nemsi von Michael Korrontay gesprochen; danach von Hellmut Lange. Bernd Kreibich blieb durchgehend Halef, und die Rolle des Sir David Lindsay behielt Malte Petzel in allen sieben Hörspielen inne. Generell kann man sagen, daß über die gesamte Vertonung Dagmar von Kurmins die Sprecher Siegmar Schneider, Joachim Rake, Herbert Tiede, Jürgen Lier und Horst Beck in verschiedenen Rollen fast ausnahmslos als Verbrecher fungieren. Die wenigen Frauenrollen innerhalb der sieben Hörspiele wurden alle von Erika Bramslöw, Marga Maasberg, Annette Roland und Dagmar von Kurmin persönlich übernommen.



Zu diesem Hörspiel

Das Hörspiel umfaßt aus dem Roman »Von Bagdad nach Stambul« von 16 Kapiteln die Kapitel 5-10 sowie etwa 1,5 Seiten aus Kapitel 11.

In der Romanvorlage treffen Kara Ben Nemsi, Halef, Lindsay und die beiden Haddedihn an der persischen Grenze auf eine Truppe von Bejat-Kurden unter Führung von Heider Mirlam. Der Trupp wird von Bebbeh-Kurden unter Führung von Gasahl Gaboya überfallen. Die Gefährten können sich für den weiteren Ritt Scheik Gasahl Gaboya als Geisel sichern. Es kommt zu einem Streit: Die Haddedihn wollen die Führung Kara Ben Nemsis, unter anderem wegen seiner zu christlichen Handlungsweise, nicht mehr akzeptieren. In seinem Stolz verletzt gibt der Effendi die Führung an Mohammed Emin ab. Dieser begeht sogleich den Fehler, den Bebbeh zu frühzeitig freizulassen, nämlich bevor die Truppe in Sicherheit ist. (Hier setzt das Hörspiel ein.)

Beim Rastplatz eines reichen Persers werden sie von den Bebbeh überrascht. Mohammed Emin fällt im Kampf, und Gasahl Gaboya wird erschossen. Amad el Ghandur folgt dem Gesetz der Blutrache und trennt sich von der Truppe, um den Mörder seines Vaters zu verfolgen. Der Perser Hassan Ardschir-Mirsa offenbart sich als reicher, politischer Flüchtling. Sein verräterischer Diener Saduk hinterläßt den Truppen, die seinem Herrn folgen, heimlich Zeichen. Kara Ben Nemsi entlarvt ihn und kann ihn festnehmen. Die Gefährten können die Verfolger irreführen, Saduk aber entkommt. Hassan Ardschir-Mirsa plant, sich einer Karawane zum Schiitenheiligtum Kerbela anzuschließen. Statt seiner geht Kara Ben Nemsi nach Bagdad und entdeckt, daß auch der Gefolgsmann des Persers, Mirsa Selim Agha, ein Verräter ist. Er warnt Ardschir-Mirsa vergebens: Dieser und seine Familie werden in der Nähe des Turms von Babel überfallen und getötet. Kara Ben Nemsi und Halef erkranken an der Pest. Nach ihrer Genesung suchen sie den Haddedihn-Stamm auf (hier endet das Hörspiel) und reiten dann weiter nach Damaskus.

Unterwegs begegnen sie einem Onkel des Isla Ben Maflei, Jacub, bei dem sie später in Damaskus zu Gast sein werden. Hier treffen sie auch unversehens erneut auf Abrahim Mamur, der Jacub bestiehlt. Sie folgen Mamur nach Baalbeck, doch er entkommt ihnen über Tripolis nach Stambul (Istanbul). Hier treffen sie zufällig Omar Ben Sadek wieder, der immer noch den Mörder seines Vaters sucht, und begegnen einem jungen Derwisch namens Ali Manach, welcher sich als Sohn Barud al Amasats herausstellt. Es zeigt sich, daß Abrahim Mamur in Stambul als Haupt einer Räuber- und Mörderbande fungiert. Die Gefährten können deren Domizil ausfindig machen, einen Gefangenen befreien und etliche Bandenmitglieder unschädlich machen; Omar gelingt es, Abrahim Mamur zu töten.

Inzwischen ist auch Osko, der Vater Senitzas, in Stambul eingetroffen, und begleitet die Gefährten weiter nach Edreneh (Adrianopel), um Barud el Amasat zu fangen. Sir Lindsay trennt sich vorübergehend von ihnen. In Edreneh nehmen die Gefährten Barud al Amasat gefangen, doch ein Verbündeter namens Manach al Barscha kann diesen befreien. Ali Manach gelangt ebenfalls nach Edreneh und wird von Kara Ben Nemsi festgesetzt. Ali Manach wird jedoch von seinen eigenen Genossen ermordet, um zu verhindern, daß er Bandengeheimnisse verrät. Bei Barud el Amasat finden die Gefährten einen Zettel mit dem unbekannten Namen Karanorman-Khan und den Hinweis auf den Ort Menelik in Südbulgarien. In diese Richtung brechen Kara Ben Nemsi, Halef, Omar und Osko auf. Dieses Verfolger-Quartett wird die nächsten drei Bände der Orient-Reihe bestimmen.



Mein Kommentar

Dagmar von Kurmin übernahm aus der Romanvorlage lediglich die Handlungsstränge des Überfalls Scheiks Gasahl Gaboyas auf die Gefährten und Hassan Ardschir-Mirsa, den Ritt zur Todeskarawane und das Erkranken Kara Ben Nemsis und Halefs. Zwar werden die Umstände und Stimmungsbilder der Todeskarawane und Pestilenz gut eingefangen, doch bleibt weit über die Hälfte des Romans unbeachtet. Bereits im Hörspiel »Durch die Wüste« hatte Dagmar von Kurmin einen titelgebenden Ort völlig aus der Hörspielhandlung verbannt. So begann dort die Handlung - anders als in der Romanvorlage - nicht in der Wüste Sahara, sondern nahe dem Nil in Ägypten. Hier ist sie ähnlich verfahren. Aufgrund der Unterdrückung von weiten Strecken der Handlung gelangen die Gefährten - anders, als in der Romanvorlage und auch hier durch den Titel suggeriert - gar nicht nach Stambul.

Während Dagmar von Kurmin im Auftakthörspiel der Reihe (»Durch die Wüste«) wesentliche Zusammenhänge hatte wegfallen lassen, die in späteren Bänden der Reihe noch relevant werden sollten, ist hier ein anderes Phänomen zu beobachten: Im Hörspiel »Von Bagdad nach Stambul« werden Handlungsstränge beiläufig erwähnt, die in die Erzählzeit des Hörspiels fallen. Der anfänglich genannte Scheik Gasahl Gaboya tritt nicht in Erscheinung. Später wird dann von Halef berichtet, daß Kara Ben Nemsi diesen nach einer Gefangenschaft hat laufen lassen. Nach der Ermordung der Familie Mirsa Selims geht aus einem Dialog zwischen Halef und Kara Ben Nemsi hervor, daß eine gewisse Benda sich mit einem Dolch, den sie sich von dem Effendi geliehen hatte, selbst das Leben genommen hat. Auch diese Handlung wird "nachgeschoben".

Hatte Kara Ben Nemsi in den kurdischen Bergen beim Verlassen Amad el Ghandurs nur gemutmaßt, daß dieser nie mehr zu seinem Stamm zurückkehren werde, so stellt er als Erzähler in Szene der Wiederkehr der Gefährten zu den Haddedihn klar heraus, daß Amad el Ghandur tot sei und damit die Haddedihn zwei ihrer Anführer zu beklagen hätten. Hierbei handelt es sich um eine Abweichung von der Textvorlage, die sich wiederum in einem späteren Hörspiel der Reihe rächen sollte. Nach der Buchvorlage war Amad el Ghandur noch nicht bei den Haddedihn eingetroffen, aber nicht tot. So taucht er dann auch im Anhang des Romans »Der Schut« in der Erzählung »Mein Rih« wieder völlig lebendig in Erscheinung - ebenso wie dann unerklärlicherweise im entsprechenden Hörspiel »Kara Ben Halef«.

Bei der Verkündigung der Geburt Kara Ben Halefs stimmen alle Anwesenden ein Freudengelächter an, das den Anschein erweckt, als sei hier eine Geschichte mit gutem Ausgang beendet worden, ja als sei die Geschichte des Orientzyklus hier tatsächlich abgeschlossen. Wenn man die Auslassungen wichtiger Handlungsmomente besonders in »Durch die Wüste« in Betracht zieht, erweckt der Schluß dieses Hörspiels tatsächlich den Eindruck, als habe man geplant, zuerst einmal nur die ersten drei Bände als Hörspiele umzusetzen, ohne sicher zu sein, ob oder wann eine Fortsetzung erfolgt.

Lediglich durch die LP-Rückseite erfährt der Hörer vom Fortgang der Reise: "Nach ein paar erholsamen Wochen bei den Haddedihn beschließen die Freunde, gemeinsam nach Stambul aufzubrechen, wo wieder neue Gefahren auf sie warten: In den »Schluchten des Balkan« hören wir die weiteren Abenteuer unserer lieben Freunde."

Die Verbrecherjagd, welche im Roman »Durch die Wüste« beginnt, hatte Dagmar von Kurmin in dem dazugehörigen Hörspiel unterdrückt. Auch weite Teile der Handlung des Romans »Von Bagdad nach Stambul«, welche das erneute Zusammentreffen mit Abrahim Mamur, sowie seine Verbindungen nach Stambul und die Balkanländer offenbaren, werden dem Hörer vorenthalten, so daß sich nun Probleme ergeben, eine Weiterverfolgung ebendieser Verbrecher zu erläutern. Dies wird dann auch erst zu Beginn des anschließenden Hörspiels »In den Schluchten des Balkan« im Eilverfahren und recht unbefriedigend erfolgen. Dagmar von Kurmin läßt hier am Ende des Hörspiels sogar den Eindruck entstehen, als wollten Kara Ben Nemsi und David Lindsay nach den durchstandenen Abenteuern in ihre Heimat zurückreisen.

Michael Korrontay, der nur unter der kurzen Regiezeit Dagmar von Kurmins bei EUROPA zu hören ist, mag für manche Hörer nicht der geeignete Sprecher für die Rolle des Kara Ben Nemsi gewesen sein. Ein Vorteil war aber in jedem Fall, daß seine Stimme noch völlig unbekannt und damit "unbelastet" war. Die Rolle des Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi war zuvor von Michael Poelchau, Claus Wilcke und Peter von Schultz gesprochen worden. Wer die Orientbände gelesen hat, wird gerade aufgrund der Szenen, in denen Kara Ben Nemsi als Quasi-Arzt fungiert, tiefgründig-theologische Debatten mit Halef und anderen führt usw. die Stimme Korrontays als auf ihre Weise passend anerkennen.

Ungewöhnlich ist, daß Herbert Tennigkeit gleich in drei Rollen zu hören ist: Als Verfolger des Hassan Ardschir-Mirsa beim Lesen der Spuren Saduks, als Diener des Hassan Ardschir-Mirsa in der Begegnung mit Mirsa Selim und als Wüstenräuber, der Dojan erschießt.

An der Musikauswahl und den orienttypischen Geräuschen läßt sich leicht erkennen, daß EUROPA für diesen Handlungsraum keine allzu üppigen Konserven im Archiv hatte. Da man sich bei EUROPA in der Regel von Musikschallplatten aus dem eigene Hause (somerset / EUROPA) bediente und hier kein entsprechendes Material vorlag, fiel die Untermalung für den orientalischen Teil der Reise dürftig aus.

Kuriosa: Beim genauen Hören werden gegen Ende des Hörspiels zwei technische Fehler deutlich: Von der Aussage Kara Ben Nemsis »Zu Füßen der Turmruine des alten Babylon bestatteten wir Hassan und die Seinen« bis »... und nicht weit von mir auch Rih.« hört man im Hintergrund leise das Gebell der Hundemeute, welches dann in der Szene im Kampf Dojans laut ertönt. Ebenso ist im Bericht Kara Ben Nemsis über das Öffnen des Amuletts Marah Durimehs im Hintergrund leise ein Schußwechsel zu hören.

Zum letzten Mal wurde bei EUROPA für ein Hörspiel ein Foto von den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg verwendet. Die Szene spielt, was der Betrachter nicht sehen kann, auf einem Felsplateau, das einem Gebäude vorgelagert ist, welches sich links außerhalb des Fotos befindet. Der weiße Streifen, der rechts am Rand neben dem Teppich durch das Gras schimmert, ist die markierte, oberste Stufe einer Treppe, welche außerhalb des Bildes nach rechts unten führt. Diese Markierungen sollten wohl verhindern, daß die Protagonisten auf der Treppe stürzen.





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