E 2035





Kommentar von Carl Mai





»Dort über dem Wald geht die Sonne gerade unter. Schau sie dir noch einmal an, denn du wirst sie nie mehr wiedersehen, weil du in Nacht und Grauen versinkst.«

(Omar Ben Sadek)




Zum »Orientzyklus« allgemein

Karl Mays Reiseerzählung »Der Schut« ist Teil des sechsbändigen Orientzyklus, der in Gänze aus folgenden Bänden besteht:



»Durch die Wüste«
»Durchs wilde Kurdistan«
»Von Bagdad nach Stambul«
»In den Schluchten des Balkan«
»Durch das Land der Skipetaren«
»Der Schut«


Wie die Titel bereits verraten, findet die Handlung der Bände über einen großen geographischen Raum verteilt statt.

Der Orientzyklus erschien zunächst in den Jahren 1881-1888 als fortgesetzte Erzählung in einer Zeitschrift. 1892 wurde er in sechs Einzelbänden in Buchform veröffentlicht. Lediglich das Kapitel »Anhang« im Band »Der Schut«, welches Rihs Tod schildert, ist als Ergänzung eigens für die Buchausgabe verfasst worden. Der Band »Durch die Wüste« hieß zunächst noch »Durch Wüste und Harem«. In diesen sechs Bänden, den ersten Buchausgaben seiner Reiseerzählungen überhaupt, erzielte May einen Höhepunkt seines erzählerischen Könnens, den er später selten wieder erreicht hat. Die Wirkungsgeschichte der sechs Orientbände ist nur vergleichbar mit derjenigen der Winnetou-Trilogie. Ganze Generationen von Kindern und Erwachsenen haben hieraus erstmals Begriffe wie Emir, Effendi, Pascha, Kismet, Bakschisch, Koran, Sure, Dschehennah, Scheich usw. kennengelernt. Durch die Bände sind Kenntnisse von der Lebensart der Beduinen und Nomaden sowie die Vorstellung von der Landschaft des zerklüfteten Balkangebirges vermittelt worden. Der Begriff des "wilden Kurdistan" ist zum geflügelten Wort geworden.

Die äußere Handlung ist may-typisch eine Folge von Gefangennahmen, Befreiungen, Kämpfen, Gerichtsverhandlungen und komischen Einlagen, wobei sich zuerst bruchstückhaft und dann konsequent die Jagd einer Verbrecherbande herauskristallisiert. Einen besonderen Schutz genießt die Hauptfigur Kara Ben Nemsi durch ein Schreiben (Bujuruldu) des Padischah, also des Großherrn des Osmanischen Reiches, welches bis 1922 existierte. Trotz der abenteuerlichen Handlung und der exotischen Schauplätze sind biographische Einflüsse offenbar: Karl May hat die Romanfigur des Halef als seine eigene Anima bezeichnet. Und so ähnelt Halef dem echten May von der Charakteristik und Physis auch viel mehr als die nahezu allwissende und unüberwindbare Heldenfigur des Kara Ben Nemsi. Der Ich-Erzähler, das fiktive Karl-May-Ich beziehungsweise die Figur des Kara Ben Nemsi ("Sohn der Deutschen"), ist derselbe, welcher in den Romanen im Wilden Westen unter dem Namen Old Shatterhand bekannt ist.

Die Hörspielumsetzung des Zyklus bei EUROPA weist eine Eigenheit auf: Es ist an der Sprecherbesetzung, der Gestaltung der Schallplattenhüllen, der Musikauswahl sowie in der Auswahl der Handlungsstränge klar zu erkennen, dass die Aufnahmen »Durch die Wüste«, »Durchs wilde Kurdistan« und »Von Bagdad nach Stambul« in einer Produktionsphase entstanden sind. So belegt die Covergestaltung der ersten drei Hörspiele mit Szenen aus den Bad Segeberger Karl-May-Festspielen, dass diese in einer Marge in die Produktion gegangen sein müssen. Die Cover-Gestaltung lehnte sich an die Optik aller vorangegangenen Karl-May-Hörspiele von EUROPA an und wurde nach den ersten drei Teilen der Orientserie fallen gelassen. Die übrigen drei Bände des Zyklus hat man zu vier Hörspielen umgewandelt: »In den Schluchten des Balkan«, »Durch das Land der Skipetaren«, »Der Schut« und - ebenfalls aus dem Roman »Der Schut« - »Kara Ben Halef«. Die vier letztgenannten LPs erhielten gezeichnete Cover. In den ersten drei Teilen der Serie wird Kara Ben Nemsi von Michael Korrontay gesprochen; danach von Hellmut Lange. Bernd Kreibich blieb durchgehend Halef, und die Rolle des Sir David Lindsay behielt Malte Petzel in allen sieben Hörspielen inne. Generell kann man sagen, dass über die gesamte Vertonung Dagmar von Kurmins die Sprecher Siegmar Schneider, Joachim Rake, Herbert Tiede, Jürgen Lier und Horst Beck in verschiedenen Rollen fast ausnahmslos als Verbrecher fungieren. Die wenigen Frauenrollen innerhalb der sieben Hörspiele wurden alle von Erika Bramslöw, Marga Maasberg, Anette Roland und Dagmar von Kurmin persönlich übernommen.



Zu diesem Hörspiel

Das Hörspiel umfasst aus dem Roman »Der Schut« von 12 Kapiteln die Kapitel 1, 4, 5, 7 und 10-12. Der Anhang »Mein Rih« wurde separat vertont.

Zur Romanvorlage: Nach der Durchquerung des Balkans und dem Land der Skipetaren ist der Handlungsort zunächst das Schar-Dagh-Gebirge zur Zeit des Osmanischen Reichs. (Die Schar Berge bilden heute die Grenze zwischen Mazedonien und dem Kosovo.) Als Halef die Schut-Anhänger Manach el Barscha, Barud al Amasat, Suef, den alten Mübarek und die beiden Aladschy im Treska-Konak belauschen will, wird er auf Grund einer Unvorsichtigkeit ertappt und gefangen genommen. Kara Ben Nemsi und seine Gefährten Omar Ben Sadek und Osko befreien ihn, doch die Verfolgten können abermals entkommen.

Weiter geht es zur Hütte des Kohlenhändlers Junak - ebenfalls ein Mitglied der Schut-Bande -, wo die Schutanhänger den alten Mübarek todkrank zurückgelassen haben. Dieser wird von einem Bären angefallen und getötet. Kara Ben Nemsi ersticht den Bären. Dann gelangen die Gefährten in die Teufelsschlucht, wo die Schut-Anhänger überwältigt werden können. Manach el Barscha stürzt dabei von einer Felskante in den Tod. Beim Belauschen des Köhlers Scharka, der ebenfalls zur Schut-Bande gehört, erhalten Kara Ben Nemsi und seine Gefährten Gewissheit über die wahre Identität des Schut und seinen Aufenthaltsort Rugowa (heute Albanien). Auch erfahren die Gefährten von weiteren Gefangenen des Schut: Einem Kaufmann Galingré, dem Bruder des in der tunisischen Wüste ermordeten Galingré, und ihrem alten Bekannten Sir David Lindsay.

Unbemerkt vom Effendi zwingt Osko Barud el Amasat zum Zweikampf und tötet ihn. Die Gefährten befreien Lindsay und nehmen den Köhler Scharka und seine Gehilfen fest. In der Hütte des Köhlers entdecken sie unter anderem den kostbaren Schatz eines Skipetaren namens Stojko, der ebenfalls Gefangener des Schut in Rugowa ist. Auf dem Weg dorthin wehren sie einen erneuten Angriff der Räuber ab und treffen in Rugowa direkt auf den Schut. Kara Ben Nemsi will den Stollen unter dem Karaul von Rugova untersuchen, wo Stojko und Galingré gefangen sein sollen. Der Schut geht auf dieses Anliegen ein, da sich im Labyrinth des Stollens eine lebensgefährliche Falle befindet. Diese wird jedoch von dem Effendi entdeckt, und die Gefangenen werden befreit.

In einem Kampf zwischen Schut und Kara Ben Nemsi unterliegt der Bandit, wird aber kurz darauf wieder befreit und flieht nach Newera-Khan. Dort will er Hamd el Amasat treffen, der Galingrés Familie begleitet und umbringen will. Wiederum können die Gefährten einschreiten und Übles verhindern. Die Verbrecher fliehen, und der Schut wird bis zu einer riesigen Bodenspalte gejagt, in die er hineinstürzt und umkommt, während der Effendi sie mit Rih in einem gewaltigen Sprung überwindet. Hamd el Amasat wird gefangen genommen und zu einem Duell mit Omar gezwungen, bei dem Omar den Verbrecher blendet. Nach der erfolgreichen Verbrecherjagd endet die Geschichte. Osko kehrt in seine nahe gelegene, montenegrinische Heimat zurück. Die vier anderen Gefährten reiten nach Skutari, per Schiff nach Jaffar und Jerusalem. Omar Ben Sadek begleitet Halef von hier aus zu den Haddedihn, und Kara Ben Nemsi zieht mit Sir Lindsay weiter Richtung Heimat.

Später fügte Karl May dem Roman noch eine kurze, abgeschlossene Erzählung an: »Mein Rih«. Diesen Anhang trennte Dagmar von Kurmin ab und arbeitete ihn zu einem eigenen Hörspiel mit dem Titel »Kara Ben Halef« um.



Mein Kommentar

Ein Hörspiel, so rau und bedrohlich wie das Schar-Dagh-Gebirge, in dem es spielt. In diesem Hörspiel werden nach und nach die Verbrecher der Schutbande, denen Kara Ben Nemsi seit »Durch die Wüste« auf den Fersen ist, zur Strecke gebracht. Nun stirbt zunächst der todkranke Mübarek durch einen Bärenangriff, dann stürzt Manach el Barscha tödlich ab und schließlich ereilt Barud el Amasat das gleiche Schicksal von der Hand Oskos. Hamd el Amasat wird von Omar geblendet, und der Schut stürzt in die Verräterspalte. (Die beiden Aladschy-Brüder wurden, wie bereits im Vorgänger-Hörspiel »Durch das Land der Skipetaren«, ausgespart).

Mit der Auflösung und Sühne der Verbrecher rächt sich nun deutlich, dass im Hörspiel »Durch die Wüste« der Todesritt über den Salzsee fortgelassen und im ägyptischen Nil-Abenteuer Senitza falsch zugeordnet worden ist. Die Rechnungen, die Osko und Omar hier mit den Amasat-Brüdern begleichen, sind für den buchunkundigen Hörer zwar nicht völlig unverständlich, aber eben auch nicht ganz nachvollziehbar; so etwa die Figur des Gefangenen Galingré.

Dennoch ist ein Hörspiel entstanden, das zu den besten gehört, die bei EUROPA aufgenommen wurden. Allein die Atmosphäre: Die Verbrecherjagd findet in der zerklüfteten Einöde statt. Neben dem Blöken von Schafen hört man nur vereinzelt Vogelgezwitscher und Windrauschen in Abwechslung mit überschaubaren, aber umso prächtigeren Musikeinlagen. Der Schäfer weiß zu berichten, dass der Köhler Scharka »in einer Höhle haust, die jenseits von Glogovic im tiefen Wald liegt«. An der Hütte des Köhlers entdeckt Kara Ben Nemsi »Stufen in der Felswand, als schlängele sich ein Pfad da empor«. Raue Landschaft - phantastisch beschrieben! Gewürzt wird das Ganze zum Beispiel mit einer tollkühnen Geschichte Halefs zur Herkunft des Effendi, die er im Verhör den Gefolgsleuten des Schut auftischt; komisch auch seine Reaktion auf Kara Ben Nemsis erfundene Zündladung in der Köhlerhütte, die Scharka zum Sprechen zwingen soll.

Die Buchvorlage gibt dem Hörspiel mehr Dynamik vor als seinen Vorgänger-LPs. Nirgendwo ist die Verfolgungsjagd zu Pferde zwischen Kara Ben Nemsi und dem Schut mit dem Sprung über den Abgrund packender geschildert worden: »Und Ross und Reiter stürzten in die grauenhafte Tiefe.« Der große Hellmut Lange ist hier in Bestform zu hören! Lautmalerisch und packend schildert er den Ritt in Richtung Abgrund und den dramatischen Sprung darüber quasi in Echtzeit. Eine packende und unvergessliche Szene. Als Kind meinte man, selber über den Abgrund zu fliegen. Das Cover veranschaulicht die Szene auf beeindruckende Weise und gehört damit zu den besten des EUROPA-Katalogs.

Akustisch kaum zu erkennen ist Siegmar Schneider als Schut - so finster, ja fast raubtierartig klingt seine Stimme. »Ja, ich gebe es zu, ich bin der Schut!« (Anfänglich taucht Siegmar Schneider bereits in der Rolle des alten Mannes auf und wird auf der Plattenhülle als Heinz Erdmann bezeichnet.) Glänzend besetzt sind die Rollen der hinterhältigen Schurken, denen wie in den Vorgängerhörspielen Joachim Rake, Horst Beck und Herbert Tiede ihre Stimmen leihen. Und wiederum stellt Malte Petzel überragend Sir David Lindsay dar. Auch hier im Dialog zeigt sich wiederum Hellmut Langes unaufdringlicher Humor, indem er den Briten kopiert: »Der Löwe bekümmert sich doch nicht um die Maus, die ihn an der Mähne zerrt.« Ein brillanter Christian Rode richtet markige Worte an Hamd El Amasat, bevor er ihn blendet. Offenbar gab es für dieses Hörspiel bewusst keine Altersempfehlung, denn an Härte und Grausamkeit steht es den Buchvorlagen in nichts nach.

Der Brief des treuen Halef an Kara Ben Nemsi rundet das Ganze ab und stimmt auf die "Zusatzfolge" mit dem Titel »Kara Ben Halef« ein. Eine erhabene Schlussmusik rundet das Ganze ab.

Kuriosa: Im Dezember 1971 wurde im ZDF die vierteilige Serie »Der Seewolf« ausgestrahlt. Im dritten Teil, in Minute 25 bis 35, wenn der Schiffskoch über das Deck gejagt wird und man ihn anschließend "Kiel holen" lässt, hört man im Geschrei der Mannschaft eine Tonsequenz, die im Originalton hier 1972 bei »Der Schut« verwendet worden ist, nämlich als Kara Ben Nemsi mit seinen Kameraden das Haus des Schut stürmt. Die Sequenz taucht in Teilen ebenfalls auf in den Hörspielen »Moby Dick« (E 2017) von 1972 und in »Das Gespensterschiff« (E 2029) von 1973. Darin sind dann Schreie wie »Alle Mann an die Leine!« und »Holt ein!« zu hören.





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