E 2036
Orientzyklus (Anhang)

Kara Ben Halef




Kommentar von Carl Mai





»... als blickte er in die Ferne und horchte auf den Wind, der um die kurdischen Höhen streift. Auf den Wind, dessen Namen er trug ... Rih.«

(Kara Ben Nemsi)




Zum »Orientzyklus« allgemein

Karl Mays Erzählung, die ursprünglich einfach »Anhang« betitelt war, wurde der ersten Buchausgabe von »Der Schut« angefügt. Erst nach Karl Mays Tod wurde die Erzählung bzw. der »Anhang« mit »Mein Rih« untertitelt. »Der Schut« wiederum ist Teil des sechsbändigen Orientzyklus, der in Gänze aus folgenden Bänden besteht:



»Durch die Wüste«
»Durchs wilde Kurdistan«
»Von Bagdad nach Stambul«
»In den Schluchten des Balkan«
»Durch das Land der Skipetaren«
»Der Schut«


Wie die Titel bereits verraten, findet die Handlung der Bände über einen großen geographischen Raum verteilt statt.

Der Orientzyklus erschien zunächst in den Jahren 1881-1888 als fortgesetzte Erzählung in einer Zeitschrift. 1892 wurde er in sechs Einzelbänden in Buchform veröffentlicht. Lediglich das Kapitel »Anhang« im Band »Der Schut«, welches Rihs Tod schildert, ist als Ergänzung eigens für die Buchausgabe verfasst worden. Der Band »Durch die Wüste« hieß zunächst noch »Durch Wüste und Harem«. In diesen sechs Bänden, den ersten Buchausgaben seiner Reiseerzählungen überhaupt, erzielte May einen Höhepunkt seines erzählerischen Könnens, den er später selten wieder erreicht hat. Die Wirkungsgeschichte der sechs Orientbände ist nur vergleichbar mit derjenigen der Winnetou-Trilogie. Ganze Generationen von Kindern und Erwachsenen haben hieraus erstmals Begriffe wie Emir, Effendi, Pascha, Kismet, Bakschisch, Koran, Sure, Dschehennah, Scheich usw. kennengelernt. Durch die Bände sind Kenntnisse von der Lebensart der Beduinen und Nomaden sowie die Vorstellung von der Landschaft des zerklüfteten Balkangebirges vermittelt worden. Der Begriff des "wilden Kurdistan" ist zum geflügelten Wort geworden.



Zu diesem Hörspiel

Im Hörspiel wird aus dem Roman »Der Schut« der Anhang »Mein Rih« umgesetzt. Während sich die Romanhandlung des »Schut« über 12 Kapitel und etwa 260 Seiten erstreckt, ist die nicht in Kapitel unterteilte Erzählung »Mein Rih« nur etwa 50 Seiten kurz und wurde ohne Auslassungen umgearbeitet.

Zur Buchvorlage:

Karl May stellte der Erzählung, die von der Handlung her mit dem Rest des Romans und auch des ganzen Orientzyklus in keinem direkten Zusammenhang steht, eine kurze Einleitung voran: »Mit der letzten Zeile des vorigen Kapitels war unser Ritt zu Ende, und es sollte nun eigentlich das Schlusszeichen zu sehen sein, doch sehe ich mich zu meiner Freude gezwungen, einen Anhang folgen zu lassen.« Er begründete den Schritt mit hunderten von Zuschriften aus dem In- und Ausland, die Anteilnahme am Schicksal seiner Gefährten und vor allen Dingen an demjenigen des treuen Halef zeigten. May deutet an, dass weitere Abenteuer mit Halef (also diejenigen, die zeitlich zwischen »Der Schut« und »Mein Rih« liegen) noch an anderer Stelle erzählt werden sollten. Viele Leserinnen und Leser hätten sich auch nach seinem Begleiter auf vier Beinen - dem Rappen Rih - erkundigt. Was folge, sei sein allerletztes Abenteuer mit seinem Freund Halef und dem Rapphengst Rih:

Acht Jahre nach dem Schut-Abenteuer trifft Kara Ben Nemsi in Damaskus zufällig auf Lord David Lindsay, der auf dem Weg zu den Haddedihn an den Tigris ist, und dem sich Kara Ben Nemsi anschließt. Noch vor ihrer Ankunft treffen sie auf Pferdediebe, die den Rappen Rih und die berühmte Schimmelstute Mohammed Emins gestohlen haben. Sie jagen ihnen die Beute wieder ab und werden begeistert von den Haddedihn aufgenommen. Ein großes Ereignis steht bevor: Zum Jahrestag des Todes Mohammed Emins wollen Amad el Ghandur, inzwischen Scheik der Haddedihn, Malek (der Schwiegervater Halefs), Omar Ben Sadek, Halef und dessen achtjähriger Sohn Kara Ben Halef mit einer Schar von Haddedihn-Kriegern zum Grabmal des alten Scheiks aufbrechen. Ziel ist der Diyala, ein Nebenfluss des Tigris in Kurdistan.

Kara Ben Nemsi und Lindsay schließen sich dem Trupp an. Die Bebbeh-Kurden, deren Scheik Gasahl Gaboya (im Hörspiel Gaboga) seinerzeit von Halef im Kampf erschossen worden war, planen jedoch ihrerseits ein Besuch der Grabstätte ihres toten Anführers an gleicher Stelle. Amad el Ghandurs Unvorsichtigkeit und Eigensinnigkeit ermöglichen einen Angriff der Bebbeh, die von Ahmed Azad geführt werden, einem Sohn des getöteten Scheiks. Im nun folgenden Kampf kann Kara Ben Nemsi den Sohn Halefs retten. Als er aber Amad el Ghandur zu Hilfe kommen will, trifft ein Schuss von Ahmed Azad sein edles Pferd Rih, das an der Wunde stirbt. Da mit Ahmed Azad eine Geisel gefangen genommen wurde, können Verhandlungen mit den Bebbeh erzwungen werden. Vor der Heimkehr zu den Haddedihn errichten die Gefährten ein Felsengrab für Rih. Amad el Ghandur legt anschließend freiwillig die Scheik-Würde nieder, da er das Unheil verschuldet hat, und Malek wird sein Nachfolger. Nach dessen Tod soll Halef Scheik der Haddedihn werden.

Es gibt sehr verschiedenartige Interpretationen, warum Karl May diese Erzählung mit dem traurigen Tod Rihs dem Orientzyklus unmittelbar anfügte - vor allen Dingen nach den oben erwähnten, einleitenden Worten, die eher ein ruhmreiches, glückliches Ende versprechen. Die banalste Erklärung ist, dass der Band »Der Schut« ohne den Anhang gegenüber den anderen Teilen des Orientzyklus zu schmal ausgefallen wäre. Dies wäre eine Erklärung für den Umfang, aber keine Deutung für den Inhalt. Tatsache ist, dass May damit analog zum Tode Winnetous im letzten Teil der Winnetou-Trilogie wiederum den Verlust eines "Kameraden" als Schlusspunkt setzte. Eine vergleichbare Figur zu Winnetou gab es in den Orientbänden nicht, und Halef als sein alter ego konnte May nicht sterben lassen. Eine interessante Deutung ist autobiographischer Natur. May hatte mit dem Orientzyklus die Höhe seines Schaffens erreicht, war aber durch Verträge dazu gezwungen, auch jetzt noch sogenannte Kolportage-Romane abzuliefern. Diese mehrere tausend Seiten starken Romane bildeten einen Tiefpunkt im künstlerischen Schaffen Mays. Der Tod Rihs wird in der Forschung auch als versinnbildlichte Vergeudung von Mays literarischem Talent gedeutet. Auch familiär hatte May Probleme. So spielt zum Beispiel das schlechte Verhalten seiner Frau gegenüber seiner geliebten neunjährigen Nichte Clara (Kara!) in die Entstehungszeit hinein.



Mein Kommentar

Das Hörspiel beginnt mit derselben, melancholischen Musik, die den Vorgänger »Der Schut« hat ausklingen lassen. Schnell stellt sich heraus, dass hier ganz may-untypisch keine Verbrecherjagd beginnt und keineswegs Helden und Bösewichte leicht zu erkennen sind. Die Krise entsteht von innen heraus, und die Stimmung wandelt sich in den eigenen Reihen von Freundschaft und Vertrauen zu Misstrauen und Feindschaft. Der ansonsten aufgeweckte und schelmische Halef - hervorragend dargestellt von Bernd Kreibich - erlebt schon beim Wiedersehen mit Kara Ben Nemsi einen Zusammenbruch. Rih hat bereits Nachkommen. Seine große Zeit liegt hinter ihm. Der Todestag des Scheiks soll begangen werden, indem man sein Grab in den fremden, gefahrvollen Felsen weitab der Weidegründe der Haddedihn aufsucht - dem Ort des Kampfes und der Ermordung. Halefs an Kara Ben Nemsi gerichtete Bitte, seinen achtjährigen Sohn auf die Reise mitnehmen zu dürfen, bleibt für den Hörer völlig unnachvollziehbar, denn auch in der Landschaft der wildesten Krieger ist ein Achtjähriger kein Krieger, sondern Kind. Kara Ben Nemsi kann Halefs Wunsch jedoch nicht abschlagen. Der Untergang liegt förmlich in der Luft: »Die Sonne ging gerade unter, als wir oben auf der Felsenhöhe standen, um Mohammed Emins zu gedenken.« Tatsächlich bildet diese Felsenhöhe eine Falle.

Tragende Stimmen in diesem Hörspiel sind diejenigen von Hellmut Lange und Rudolf H. Herget. Amad el Ghandur (Herget) entwickelt sich vom Freund zum leichtsinnigen Kriegstreiber und erhebt sogar den Vorwurf, Kara Ben Nemsi sei schuld am Tode seines Vaters. Der Effendi (Lange) legt die Anführerrolle ab und will den Irrsinn, aus einer schlechten Position heraus gegen einen stärkeren Feind anzugreifen, nicht mitverantworten. Die Dialoge sind ernst und prägen das dramatische Hörspiel.

Nicht unerwähnt bleiben soll Malte Petzel, der den David Lindsay auch hier glanzvoll darstellt. Es tut der Sache enorm gut, dass man für die Schurkenrollen nicht erneut Horst Beck, Herbert Tiede und Joachim Rake aus den Vorproduktionen eingesetzt hat. Es sind zwar hervorragende Sprecher, doch sind sie im Orientzyklus prominent eingesetzt (gewesen) und hätten hier akustisch für Verwirrung gesorgt. Die Rolle des Assur (Marcel Winter) verwundert, da die Figur im Hörspiel »Von Bagdad nach Stambul«, aus dem die Bekanntschaft zwischen ihm und dem Effendi herstammen soll, gestrichen wurde. [Bei Karl May hat die Figur des Bruders von Scheik Gasahl Gaboga keinen Namen. Später fügte der Verlag »Musafir« ein.]

Letztendlich kommt, was kommen muss: Der Angriff des uneinsichtigen Amad el Ghandurs endet in der Katastrophe. Diesmal hat Amad el Ghandur die Rolle des Bösewichts inne und stürzt beim Sprung mit seiner Stute über einen Felsen - zwar nicht wie der Schut in eine Spalte, aber doch so schwer, dass er liegen bleibt. Rih dagegen hätte den Sprung (wie im »Schut«) gemeistert, hätte ihn nicht der Schuss des Gegners getroffen. Das Pferd rettet auf diese Weise das Leben Kara Ben Nemsis. Das Wiederaufrappeln des Tieres und sein langsamer Tod werden zutiefst erschütternd dargestellt. Wer dieses Hörspiel als Kind gehört hat, Tiere liebt oder überhaupt ein Herz in der Brust hat, den kann diese Darstellung nicht unberührt lassen. Die Treue des Tieres und auch die Liebe des Menschen zum Tier sind hier herzzerreißend umgesetzt worden. Man bedenke: Dies ist ein Kinderhörspiel! Wie hoch war damals das künstlerische Niveau. Nichts anderes hat meine Kinderseele damals so berührt wie dieses Hörspiel. Und sicher sind nicht nur mir beim Hören dicke Tränen geflossen. Dieses Hörspiel habe ich bis heute nur alleine hören wollen und können. Niemand darf hineinreden und es "entweihen".

Laut Dagmar von Kurmin hat Hellmut Lange sie für die Umsetzung bei den Aufnahmen zu dieser Szene gelobt und geäußert: »Na, wer das hört, der wird schon schlucken müssen und Tränen in den Augen haben ...« Und vielleicht ist das Ende des Hörspiels mit den Worten Hellmut Langes (siehe Zitat oben), die in dieser Form bei Karl May nicht zu finden sind, im Zusammenspiel mit dem Rauschen des Windes im Hintergrund ergreifender gelungen als das Ende in der Buchvorlage. Wer die LP-Version kennt und verinnerlicht hat, weiß, dass das Windgeräusch am Schluss der B-Seite länger zu hören ist als auf späteren Veröffentlichungen. Dagmar von Kurmin setzte diese kurze Erzählung so geschickt als Hörspiel um, dass das Ergebnis sich nahtlos an die Vorgängerproduktionen, welche ja ganze Romane als Vorlage hatten, anfügte: Ein enormer künstlerischer Höhepunkt!

Kuriosa:

Vielleicht wäre der Titel »Rih« eine bessere Wahl gewesen, denn schließlich ist Rih die Hauptfigur. Aber auch die Figur des kleinen Kara bildet trotz seiner überschaubaren Aktivität einen Angelpunkt: Er wird unsinnigerweise mit auf den gefährlichen Ritt genommen. Auch Halef und seine Frau begehen also einen schweren Fehler, denn fast kommt Kara Ben Halef bei dem Unternehmen um. Nach eigener Aussage hat Dagmar von Kurmin selbst das Hörspiel »Kara Ben Halef« betitelt. Der Grund ist unbekannt. Möglicherweise glaubte sie, mit dem Titel »Kara Ben Halef« und der Ähnlichkeit zu seinen Namensgebern »Kara Ben Nemsi« und »Halef« eine größere Nähe zu den zuvor veröffentlichten Abenteuern auszudrücken. Das Cover - von Hans Möller gezeichnet - ist, obwohl es nicht so ganz die Handlung trifft, wieder ein Highlight des EUROPA-Katalogs und setzt Hellmut Lange grandios in Szene. Die Schallplattenhülle war in zwei verschiedenen Versionen erhältlich: in der Regel mit eher orangem Hintergrund und seltener in kräftig-kontrastreichen Farben. Besonders Letztere ist eine würdige Ausführung dieses Hörspiel-Highlights.





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