E 2040
Die Sklavenkarawane




Kommentar von Carl Mai





Barak el Kasi, der Emir von Kenadem: »Freundschaft gegen Freundschaft, Leben gegen Leben.«




Zur Buchvorlage

Karl Mays Erzählung »Die Sklavenkarawane« erschien erstmals zwischen 1889 und 1890 in Fortsetzungen in einer Zeitschrift. Die erste Buchausgabe wurde 1893 veröffentlicht.

Die Brüder Emil und Joseph Schwarz, zwei deutsche Gelehrte, bereisen zur naturwissenschaftlichen und ethnographischen Erforschung Ostafrika. Sie sind in zwei voneinander unabhängigen Expeditionen unterwegs und wollen an einem verabredeten Punkt im Süd-Sudan zusammentreffen. Während Joseph Schwarz in Begleitung des Ornithologen Dr. Ignatius Pfotenhauer von Sansibar ins Innere Afrikas nilaufwärts nach Süden vordringt, startet Emil Schwarz in Kairo und erforscht zunächst die Wüstengebiete von Kordofan und Darfur westlich des Nils.

Emil Schwarz, den seine arabischen Begleiter aufgrund seiner Brille "Vater der vier Augen" nennen, erlebt auf seinem Weg zahlreiche Abenteuer. Er erkennt, daß der Führer der von ihm gemieteten Kamelkarawane beabsichtigt, ihn zu ermorden und auszurauben. Der scheinbar weltfremde Gelehrte kann diesen Plan vereiteln. Auch bei einer Löwenjagd kann er seinen Mut unter Beweis stellen. Beim Zusammentreffen mit einer Handelskarawane überwältigt er die Banditen und liefert sie in Faschoda am Nil dem Gericht des dort residierenden Mudirs aus. Die Araber handelten im Auftrag von Abu el Mot ("Vater des Todes"), einem berüchtigten Sklavenjäger. Vom Statthalter erfährt Emil Schwarz, daß die Niederlassung Abu el Mots, die Seribah Omm et Timsah, am Nil südlich von Faschodah liegt. Hier erhält Emil Schwarz auch die Nachricht, daß sein Bruder bereits am verabredeten Treffpunkt angelangt ist und ihn erwartet.

In der Seribah Omm et Timsah bereitet der arabische Sklavenräuber Abd el Mot ("Diener des Todes") den Aufbruch zu einem Menschenraub vor mit der Absicht, Einheimische zu versklaven. Lobo und Tolo, zwei bereits gefangene Schwarze, erfahren, daß das Ziel des Raubzugs das Belanda-Dorf Ombula ist, wo Verwandte und Freunde von ihnen leben. Es gelingt ihnen, zu entfliehen, doch die Sklavenjäger verfolgen sie. Nur durch einen Zufall werden sie gerettet: Ein auf dem Nil entlangfahrendes Boot nimmt sie auf. Bei den Reisenden handelt es sich um Joseph Schwarz und Ignatius Pfotenhauer, die aus Sorge um den zu lange ausgebliebenen Emil Richtung Norden fahren.

Nachdem Joseph durch Lobo und Tolo von dem Plan Abd el Mots Kenntnis erhalten hat, beschließt er, das Dorf Ombula vor der Vernichtung zu retten. Er verläßt das Boot, das nun mit Pfotenhauer weiterfährt. In Begleitung eines arabischen Elefantenjägers reitet er auf der Fährte der Sklavenjäger nach Süden. Außerdem erfährt er, daß sein Führer in Wahrheit Barak el Kasi, der Emir von Kenadem ist, dessen Sohn Mesuf einst von dem Sklavenjäger Ebrid Ben Lafsa geraubt und als Sklave verkauft wurde. Nun ist der Elefantenjäger auf der Suche nach Ebrid Ben Lafsa, um sich an ihm zu rächen. Joseph Schwarz berichtet, daß ein junger Mann, auf den die Beschreibung Mesufs zutrifft, zur Besatzung seines Schiffes gehört.

Kurz vor Ombula geraten Joseph Schwarz und der Elefantenjäger jedoch in die Gefangenschaft Abd el Mots und werden Zeugen des nächtlichen Überfalls auf das Dorf. Sie werden zusammen mit mehreren hundert gefangenen Schwarzen - der Sklavenkarawane - in Fesseln verschleppt. Abd el Mot erkennt in dem Elefantenjäger Barak el Kasi ("Barak der Strenge") den Emir von Kenadem wieder. Abd el Mot und Ebrid Ben Lafsa sind ein und dieselbe Person.

Inzwischen hat Emil Schwarz von Faschoda aus seine Reise nach Süden in einer großen Dehabije, die ihm die ägyptische Behörde zur Verfügung gestellt hat, fortgesetzt. Zusammen mit 150 ägyptischen Soldaten des Vizekönigs soll er der Sklaverei ein Ende setzen und vor allen Dingen den gefährlichsten Anführer der arabischen Sklavenjäger, Abu el Mot, und seinen Komplizen Abd el Mot gefangen nehmen. Er hat inzwischen Gewißheit, daß Joseph Abd el Mot in die Hände gefallen sein muß. Jetzt gilt es für Emil und Pfotenhauer, nicht nur Abd el Mot und seine Banditen zu bekämpfen und die Sklaven zu befreien, sondern zugleich Joseph und dessen Begleiter zu retten. Zwischenzeitlich stellt sich heraus, daß es sich bei dem jungen Mann, der sich "Sohn des Geheimnisses" nennt, tatsächlich um den vermißten Sohn Barak el Kasis - Mesuf - handelt.

Am Ende gelingt es, die Sklavenkarawane in eine Falle zu locken, alle Gefangenen zu befreien und die Anführer Abu und Abd el Mot festzunehmen, um sie der Gerichtsbarkeit zu übergeben. Die anderen Menschenräuber werden von den befreiten Gefangenen umgebracht. Barak el Kasi findet seinen vermißten Sohn wieder.

Karl May hat hier die Abschaffung der Sklaverei als selbstverständliche Pflicht einer zivilisierten Gesellschaft beschrieben. In seinem Roman werden die menschlichen Qualitäten der Naturvölker als gleichberechtigt dargestellt. Kritik erfahren hingegen die Weißen, die unter dem Vorwand christlicher Mission ihre Machtpositionen mißbrauchen. Vor dem Aufkommen einer allgemeinen Kolonialbegeisterung in Europa ist es erstaunlich und bewundernswert, daß bei Karl May nichts davon zu spüren ist.



Mein Kommentar

Das Hörspiel bildet die Buchvorlage ab dem fünften Kapitel von insgesamt 18 Kapiteln ab. Aus den Kapiteln davor wird nachträglich lediglich der Zwischenfall an der Quelle des Löwen erwähnt.

Das Hörspiel ist - entsprechend der Buchvorlage - recht grausam geraten. Ein Wächter wird aufgrund seines Versagens in den Fluß gestoßen, wo ihn die Krokodile zerreißen. Ein Teil des überfallenden Stammes stürzt sich lieber in die Flammen des in Brand gesetzten Dorfes, als versklavt zu werden. Einem Aufsässigen wird damit gedroht, ihm die Zunge bei lebendigem Leibe herausreißen zu lassen. Eindringlich wird dem Hörer die Sklaverei als menschenunwürdig und gewaltsam vor Augen oder eher Ohren geführt. Das Ganze ist - wie könnte es bei diesem Thema auch anders sein - entsprechend kein Hörspiel, das man gerne oder oft hört. Da Karl May die Erzählung ausdrücklich als Jugenderzählung deklariert hat, sollte man auch die Umsetzung in Hörspielform kaum als Kinderhörspiel bezeichnen. Von der Grausamkeit im Hörspiel bis zu den barbusigen Frauen auf dem Cover spricht einiges dagegen. Die Handlung ist stimmig, und das Gesamthörspiel wie gewohnt unter der Regie Dagmar von Kurmins gelungen. Das Cover - ein rotes Flammeninferno der brennenden Dorfhütten - ein weiteres Meisterwerk des Malers Möller.

Die Besetzung entspricht derjenigen der klassischen Kurmin-Hörspiele. Die ersten Hauptrollen entfallen auf Herbert Tiede und Christian Rode. Die Handlung bestimmt dieses Mal jedoch Joachim Rake, der hier eine wirklich führende Rolle hat und diese mit ausreichend Boshaftigkeit für einen Sklavenhändler füllt. Malte Petzel fungiert zum ersten und letzten Mal bei EUROPA als Bösewicht; genauer gesagt als Sklavenhändler-Compagnon. Sogar der ewig-sympathische Bernd Kreibich (laut Cover "Ulf Haussmann") ist hier in einer fiesen, wenn auch kurzen Rolle als Wächter-Gehilfe von Abd el Mot zu hören. Gunther Beth war zwar viel zu alt für die Rolle des Mesuf, stellt aber dessen Reaktion auf den Namen "Mesuf" und die Rückkehr seiner Erinnerung an die Zeit vor seiner Versklavung besonders beeindruckend dar. Der Vogelkundler Ignatius Pfotenhauer hat im Roman einen bayerischen Dialekt, der hier nicht wirklich zündet.

Wahrscheinlich liegt es am fiktiven Handlungsort, daß im Hörspiel wenig Musik und wenige Geräusche Verwendung fanden. Das EUROPA-Tonarchiv gab für den geographischen Raum des Nils offenbar nicht viel her. Das anfänglich verwendete Stück »East of Suez« vom Somerset/Alshire-Album »101 Strings: East of Suez« bildet dabei eine stimmige Einleitung.





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