E 2080
Ferien auf dem Reiterhof




Kommentar von Pitichinaccio





Im Galopp am Reiterhof vorbei

oder

Es geht auch ohne Kindheitsbonus




Nachdem man zu Zeiten Konrad Halvers und in den frühen Körting-Jahren einen Großteil der klassischen Welt- und Jugendliteratur vertont hatte, machte man sich im Hause Miller International Mitte der 1970'er Jahre notgedrungen auf die Suche nach weiteren, moderneren Stoffen. So erklärt es sich, daß plötzlich Produktionen wie »Detektivin Katja Krümel«, »Achtung! 'Rote Schlange'« oder eben auch »Ferien auf dem Reiterhof« in den Katalog aufgenommen wurden.

Das vorliegende Hörspiel fiel mir weder in meiner Kindheit in die Hände, noch rückte es später in meinen Fokus. Bis heute fristet die Produktion, die im Jahr 1975 zunächst nur als LP erschien und der erst 1977 die MC-Würde verliehen wurde, in meinen Augen aber zu Unrecht ein Schattendasein. Vielleicht dient dieser Kommentar dazu, die Aufnahme etwas mehr in das verdiente Licht zu rücken.

Gut, einräumen muß man, daß Titel und Titelbild eine der üblichen Mädchen-Pferde-Geschichten vermuten lassen, aber dieser Eindruck täuscht. Weder gibt es Ferien auf dem Reiterhof, noch spielt das Verhältnis zwischen der jungen Heldin und dem Pferd Kavesta eine besondere Rolle. Vielmehr begeben sich Hans, Martin, Josefie und Alexander inmitten der Sommerferien auf eine Reise mit vier Pferden sowie einer frisch reparierten Kutsche und erleben von dort an ein Abenteuer nach dem anderen. Der Reiterhof bildet nicht mehr als den Ausgangspunkt für die nun folgenden zwei Wochen. Insoweit sind es eher »Ferien vom Reiterhof«, aber dieser Titel hätte wohl niemanden zum Kauf angeregt.

Neben einem verschwundenen Pferd, der Bekanntschaft mit einem Grafen nebst blaublütiger Tochter, einem dingfest gemachten Einbrecher sowie einem weggelaufenen Waisenkind als Höhepunkte der Handlung wartet das atmosphärische Hörspiel mit unterhaltsamen Dialogen, spezieller, aber keinesfalls schlechter Musik sowie glaubhaften Figuren auf. Wäre es nicht bei einer einzigen Folge mit diesen Protagonisten geblieben, so hätte das Konzept sicherlich das Potenzial für eine kleine unterhaltsame Serie gehabt, die sich überzeugender präsentiert hätte als die unendliche Geschichte um die Nervensägen aus der Millionenstadt.

Mit Michael Harck, Jörgpeter Ahlers, Gabriele Libbach und Heinz Kühsel geht hier keine besonders typische Sprecherkonstellation an den Start, aber vielleicht ist es genau diese etwas ungewohnte Auswahl, die dem Hörspiel eine gewisse Frische verleiht. Auch das sechzehnköpfige Nebenrollenkonglomerat, an welchem die vier Freunde in gerade mal 36 Minuten vorbeigaloppieren, kann sich hören lassen. Besonders Susanne Wulkow als proletarische Grafentochter und Lutz Schnell als Ausreißer Felix sind hörenswert.

Musikalisch dominiert die Schlagermusik der 1970'er Jahre, welche der Hörer insbesondere aus den »Hanni und Nanni«-Folgen (9) bis (12) kennt. Zusätzlich, und das ist schon etwas befremdlich, erklingen Töne der Musik zu Konrad Halvers Hörspiel »Django - Ein Sarg voll Rache« - vor allem dann, wenn Martin auf der Gitarre spielt ... der E-Gitarre oder was? Wieviel Meter Kabel nimmt man denn so mit für 14 Tage Urlaub? Aber sei's drum: die Ferien der vier Helden unterhalten den Hörer ansonsten gut, und so soll über diesen Fauxpas hinweggesehen werden.

Fazit: sicherlich kein unentbehrliches Hörspiel, keine blaue Mauritius im EUROPA-Katalog, aber durchaus eine angenehme Produktion mit kurzweiliger Unterhaltung, guten Dialogen und einem hörenswerten Ensemble. Ich jedenfalls bin froh, die Aufnahme dann doch einmal entdeckt zu haben ... und ganz ohne Kindheitsbonus.





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