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Kommentar von Carl Mai





»Gerechtigkeit ... was heißt bei den Bleichgesichtern Gerechtigkeit?«

(To-kei-chun)




Zur Buchvorlage

Einen Roman oder eine Erzählung mit dem Titel »Old Shatterhand« hat Karl May nie verfasst. Die dem Hörspiel-Zweiteiler »Old Shatterhand« zugrunde liegende Handlung stammt aus dem Roman »Winnetou der Rote Gentleman. 3. Band« Er erschien in Buchform erstmals 1893. Ab 1904 ließ Karl May den Titel auf das heute noch verwendete »Winnetou. 3. Band« verkürzen. 1908 erschien eine illustrierte Ausgabe unter dem Titel »Winnetou III«. Diese Titelkurzfassung, die zudem auch regelmäßig auf den Buchrücken Verwendung fand, hat sich umgangssprachlich durchgesetzt.

Der dritte Band der »Winnetou-Trilogie« besteht ebenso wie der zweite aus zwei voneinander unabhängigen Erzählungen. Die Kapitel 1 bis 4 stellen eine Überarbeitung der Erzählung »Deadly Dust« dar, die bereits 1880 in einer Zeitschrift erschienen war. Sie bildet die Grundlage des Hörspiel-Zweiteilers »Old Shatterhand« und wurde in der »Winnetou«-Reihe von 1968 mit Michael Poelchau als Old Shatterhand nicht in Hörspielform umgesetzt. Auf der Schallplattenhülle des hier kommentierten Hörspiels existiert kein Hinweis auf die Textvorlage.

In der Romanvorlage gelangen Old Shatterhand und Sans-Ear bei der Verfolgung Fred Morgans - dem Mörder von Sans-Ears Familie - und seiner Kumpanen in den Llano Estacado. Hier entdecken sie das Beutelager der Verbrecherbande. Zudem stellen sie fest, dass Fred und Patrick Morgan - Vater und Sohn - auch an einem Juwelenraub beteiligt waren, bei dem Bernard Marshals Vater - ein Bekannter Old Shatterhands - zu Tode gekommen ist. Später stößt Winnetou zu ihnen. Zu guter Letzt kann Sans-Ear beide Morgans zur Strecke bringen.



Mein Kommentar

Das Hörspiel umfasst aus dem Roman »Winnetou III« die Kapitel 4, teils 5, 7, teils 10 (von 20).

Einen großen Unterschied zur Romanvorlage bildet zunächst einmal der Wechsel der Erzählperspektive. Die Romane der »Winnetou«-Trilogie werden von Old Shatterhand erzählt, während hier ein sogenannter auktorialer / allwissender Erzähler eingefügt wurde. Anders als in der ersten Folge wurde hier vorwiegend die Mundharmonikamusik verwendet, welche man aus den ersten beiden »Lederstrumpf«-Hörspielen und der »Ölprinz«-Umsetzung von 1970 kennt.

Die Handlung setzt unvermittelt bei den Erlebnissen im Llano Estacado ein. Es wäre dramaturgisch besser gewesen, hätte man zumindest das Überrumpeln der beiden Verbrecher Williams und Mercroft/Patrick Morgan als Abschluss des ersten Teils verwendet und den zweiten Teil mit dem Weiterritt beginnen lassen. Dieses Überrumpeln erlebt der Hörer dann aber auch gar nicht mit. Der Erzähler erwähnt es nicht, und nur aus Sans-Ears Worten geht hervor, dass Old Shatterhand beide niedergeschlagen und Sans-Ear bereits beide gefesselt hat.

Auf Grund der Kürze des Handlungsausschnitts will auch hier keine rechte Spannung aufkommen. Erst am Ende des Hörspiels geht es auf einmal sehr schnell zur Sache, und man kann den Entwicklungen der Geschichte kaum noch folgen. Insgesamt fällt der zweite Teil gegenüber seinem Vorgänger, obwohl auch dieser schon nicht vor Spannung strotzt, deutlich ab. Dazu kommt eine ganze Reihe von Sprecher-Mehrfachbesetzungen: Horst Breiter ist der Erzähler von Teil 1 und Teil 2 und taucht hier dann auch noch in der Rolle Holferts auf. Werner Cartano spricht in der ersten Folge einen Major und in der zweiten Folge Williams. Peter Kirchberger wird in Folge 1 als Häuptling Ka-womien eingesetzt; in Folge 2 als Capitan.

Hervorzuheben ist in diesem Hörspiel der Auftritt von Hans Paetsch als Häuptling To-kei-chun, den Old Shatterhand in der Romanvorlage an dieser Stelle erstmals zu Gesicht bekommt. Paetsch klingt respekteinflößend wie in seinen Rollen als Intschu-tschuna im Hörspiel »Winnetou I« oder als Vupi-umugi und Matta-schahko in den beiden »Surehand«-Hörspielen. Wolfgang Kieling bleibt als Ko-tu-cho dagegen blass und bemüht sich etwas aufgesetzt, erhaben zu klingen.

Am Ende weicht die Umsetzung noch einmal stark von der Romanvorlage ab. Bei Karl May wird Fred Morgan von Sans-Ear bei einem Fluchtversucht erstochen. Dieser ritzt anschließend zwei Kerben in den Kolben seines Gewehrs, um zu belegen, dass seine Rache erfüllt ist. Da er dies in Hörspiel-Folge 1 angekündigt hatte, wäre die werkgetreue Übernahme im Sinne des Hörers und eine runde Sache gewesen. Dass im Hörspiel aber Winnetou Fred Morgan ersticht, hat wohl einzig den Hintergrund, den Apatschen am Schluss noch einmal auftreten zu lassen. Die Schlussmusik klingt wiederum viel zu dramatisch und passt nicht als würdevolles Ende zu den Worten des Erzählers im Sinne "Winnetou und Old Shatterhand reiten neuen Abenteuern entgegen".

Das beeindruckende Cover, auf dem Winnetou ungewohnterweise einen Schimmel reitet, stammt von Hans Möller.





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