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Fünf Freunde

2

im Zeltlager




Kommentar von Pitichinaccio





Grobis geheimer Güterbahnhof




Ich habe nie so richtig verstehen können, was auf dieser Insel der ungenießbaren Lebensmittel wirklich los ist und muß gestehen, daß Erzählungen von dort mich nur in meinen Zweifeln bestärken. Ich meine, nehmen wir als Beispiel mal die Welt der »Fünf Freunde«: Sind diese zu Gast bei Onkel Quentin und Tante Fanny, ist alles eingeschränkt oder verboten. Zimmer sollen nicht betreten werden, die Kinder dürfen nicht zu hören sein, Widerspruch wird automatisch mit Zimmerarrest geahndet und der Hund darf schon gar nicht ins Haus!

Anders ist das natürlich, wenn man selbst nicht betroffen ist und die Verantwortung an andere abgeben kann. Denn genau dieser Onkel Quentin und diese Tante Fanny schicken die vier Dauervergnügten ständig auf irgendwelche Reisen ins Ungewisse: Wohnwagenfahrten mit Pferden, Urlaube in Moor und Heide ohne Verpflegung, geisteskranke Entomologen als Aufsichtspersonen oder egomane Studienkollegen von Onkel Quentin als Gastväter sind ständige Begleiter von Julian, Dick, Anne und George - und das geht natürlich völlig in Ordnung!

Aber der Reihe nach:

In der vorliegenden Geschichte wird den Kindern der offensichtlich nicht ganz zurechnungsfähige Insektenforscher Professor Crabbler (Karl Walter Diess) an die Seite gegeben, der - nachdem er beinah auf Grund seines Fahrstils erst den Anhänger verloren hätte, um danach in eine Schafherde zu kacheln - mitten im Moor mit quietschenden Reifen zum Stehen kommt. Wie bringt man bitte im Moor Reifen zum Quietschen? Und vor allem: Wer bitte zeltet denn mitten im Moor? Hat mal jemand versucht, da einen Hering einzuschlagen? Hab' ich einmal gemacht - das Ding siehst du nie wieder.

Offenbar interessiert Professor Crabbler das Schicksal der ihm anvertrauten Minderjährigen auch nicht weiter, denn am nächsten Morgen verschwindet er vor dem Aufstehen der Kinder zur Insektenjagd und hat auch später nicht viel Zeit und Lust, sich um die Rasselbande zu kümmern (»So, ihr Kinder, jetzt muß ich aber schreiben!«). Stattdessen raucht er, zeigt den Rackern lieber einen erlegten Käfer und kündigt an, auch morgen den ganzen Tag unterwegs zu sein. Genau, Mr. Crabbler, lassen Sie die Kinder einfach allein und ohne Nahrung im Moor zurück ... das wird schon!

Immerhin sind die Rollen klar verteilt: die Mädchen sind zu einfältig, um den Rauch der Züge zuordnen zu können, glauben stattdessen an einen Vulkan und haben eigentlich die Aufgabe, zu kochen, Betten zu machen und Geschirr zu spülen. Da wird einem dieses pittoreske Königreich ja doch wieder fast sympathisch. Aber wir sind ja noch nicht am Ende mit unseren Eindrücken ...

Bei ihrem ersten Ausflug treffen die fünf Freunde dann auf einen nahezu verlassenen Güterbahnhof und einen alten Mann, der noch verrückter ist als derjenige, der sie mitten ins Moor gefahren hat: Holzbein-Samuel (Karl-Ulrich Meves), der unverkennbar die Stimme von Grobi aus der »Sesamstraße« hat. Für mich drängte sich daher stets das Bild eines blauhaarigen und rotnasigen Geschöpfes mit Schlenkerarmen auf, wenn Samuel die Gören mit seinem


»Haut ab hier!«


vom Bahnhofsgelände vertrieb und etwas von Geisterzügen faselte.

Der nächste Ausflug gilt dann dem Bauernhof, auf dem die Kinder sich Lebensmittel kaufen müssen - Professor Crabbler ist ja bekanntermaßen auf Käferjagd. Hier treffen Julian, Dick, Anne und George einen der wohl sympathischsten Jungen des gesamten EUROPA-Kataloges: Jockel alias Jens Wawrczeck. Himmel, so einen hätte ich mir damals immer als Spielkameraden gewünscht! Während die Mutter (Ursula Sieg, hier noch nicht in der Rolle der Tante Fanny) ebenfalls sehr liebenswert rüberkommt, läßt sich der unsympathische Stiefvater (Benno Sterzenbach) sofort als Verdächtiger ausmachen - allerdings als ein sehr unprofessioneller, der allein auf Grund des Wissens der Minderjährigen um die "Geisterzüge" sofort die Fassung verliert.

Im Ernst: der brüllende Bauer scheint wirklich Angst davor zu haben, daß vier Kinder, die von einem semidementen Wissenschaftler mitten im Moor abgesetzt wurden, ihm auf die Spur kommen. Um das zu verhindern, droht er den Kindern, sie dürften nicht erneut zum Bahnhof gehen, um dann selbst mit Jockel tagelang durch die Gegend zu gurken (sogar bis nach Endersfeld, oha!), und diesen schließlich bei einer ungeliebten Tante unterbringen zu wollen. Das ist beinah so unverdächtig wie das Verhalten des grenzdebilen Pastors aus »Rätsel um die Falschmünzer«, der sich mit einem »Nun, Ihr lieben Kinder, habt Ihr Euch gar nichts zu essen bestellt?« an Dinah, Stubs und Robert ranschmeißt, um von diesen Falschgeld in die Stadt bringen zu lassen. Großbritannien, das ist wirklich eine seltsame ... aber das sagte ich ja schon.

Die fünf Freunde lassen sich jedenfalls nicht beirren, machen sich mit Jockel auf die Suche nach den Geisterzügen und finden heraus, daß der phobische Stiefvater mit diesen Zügen Waren schmuggelt. Immerhin: nach der Rückkehr von Jockels Hof wird die Geschichte deutlich spannender und glaubwürdiger, von den nächtlichen Eindrücken auf dem Güterbahnhof über die Erlebnisse im Geisterzugtunnel bis hin zur Schlußszene, in der Jockel und seiner Mutter verkündet wird, daß der Ernährer der Familie verhaftet wurde. Juchuu!

Bei dieser Gelegenheit: Ist den fünf Freunden eigentlich irgendwann mal aufgefallen, daß sie Abenteuer für Abenteuer Familien auseinander reißen, um dann lachend wieder nach Hause fahren? Ständig werden irgendwelche Väter festgenommen, so daß im Regelfall für die zurückbleibenden Minderjährigen Pflegefamilien gesucht werden müssen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an

Nobby

(»Fünf Freunde beim Wanderzirkus«)

Jo

(»Fünf Freunde helfen ihrem Kameraden«)

Schnüff

(»Fünf Freunde im Nebel«)

Martin

(»Fünf Freunde auf der Felseninsel«)

und so weiter und so weiter ...

Obwohl es natürlich wieder einmal Blyton'scher Unsinn ist, daß offenbar keiner der Einheimischen um den außerplanmäßigen Schienenfrachtverkehr weiß, gefallen mir die Geschichte und das Hörspiel recht gut - wahrscheinlich allein deshalb, weil sich zwei meiner Hobbys hier kreuzen: Hörspiel und Eisenbahn. Abgesehen davon sind die Sprecherleistungen durchweg tadellos, und die Geschichte kann trotz der skurrilen Gestalten (oder gerade wegen dieser) gut punkten. Und so hat sich die Produktion aus meiner Sicht ihre fünf Mucks verdient.





Bewertung:






Und jetzt:


»Haut ab hier!«