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Fünf Freunde
und ein Zigeunermädchen




Kommentar von Christoph





»Ach, warte nur! Ich werde meine Schlangen rauslassen, und dein Hund wird rennen, rennen, rennen ... und du wirst ihn nie wieder sehen!«

(Zitat eines Schlangenmenschen,
der sich »Buffalo« nennt)




In Zeiten, in denen man nicht mal mit einer eigentlich unverfänglichen Begrüßungsformel à la "Sehr geehrte Damen und Herren" sicher sein kann, bei irgendjemanden in irgendein Fettnäpfchen getreten zu sein, mutet es einem wahrlich seltsam an, einem Hörspiel mit solch verheerendem Titel zu begegnen. Und auch, wenn unsere Nachbarstaaten mit Themen wie eben etwa diesem weit weniger Probleme zu haben scheinen, bestellen wir in hiesigen Restaurants "Schnitzel ungarischer Art", schwingen aber dennoch bei etwaiger Neigung unsere Hüften zu den feurigen Rhythmen der »Gypsy Kings« oder lauschen im Frühstücksradio der guten Cher, die ganz ungeniert von »Gypsies, Tramps and Thieves« und deren wohl scheinbar untrennbaren Nähe zueinander in romantischer Verklärung trällert.

Auf der anderen Seite liegt es völlig auf der Hand, dass der Begriff "Zigeuner" wohl in den wenigsten Fällen mit etwas Positivem in Verbindung gebracht wird. Und auch die liebe Enid Blyton spielt mit diesem Klischee, indem sie uns anfangs suggeriert, dass von dem "fahrenden Volk" weiß Gott nichts Gutes zu erwarten ist. Mal Hand aufs Herz: Wer von uns hätte denn auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass die Zigeuner (Ich bleibe jetzt ganz einfach bei dieser Bezeichnung, okay?) völlig harmlose Gesellen sind, die am Ende sogar noch bei der Dingfestmachung des Delinquenten helfen (wollten)? Richtig - wohl keiner.

Und das ist eigentlich schon eine erwähnenswerte Sache, da man bei Enid Blyton ja in puncto Überraschung recht selten überrascht wird, nicht wahr? Denn es sind ja fast wieder alle Zutaten vorhanden: Eine Burg (gut, diesmal nicht auf einer Insel), ein Geheimgang (den man sogar komischerweise eher im Dunkeln als bei Tageslicht findet), eine Begrüßungsszene (auch wenn es dieses Mal George ist, die vom Bahnhof abgeholt wird) und eine stets etwas naive und ängstliche Anne, die lustigerweise selbst dem Feuerschlucker den speziellen Tipp gibt, er möge sich aber bloß nicht verbrennen. Auch dass es um streng geheime wissenschaftliche Ergebnisse geht und Onkel Quentin obendrein die beteiligten Forscher kennt, ist nicht neu.

Dennoch finde ich das Hörspiel sehr gelungen. Man ist wie immer recht schnell drin im Geschehen - Kopfkino von der ersten Sekunde an sozusagen. Auch die drei "Haupt-Zigeuner" finde ich herzallerliebst, da meiner Meinung nach sprechertechnisch ideal besetzt. Joachim Wolff als fluchender Schlangenmensch »Buffalo«, Harald Pages (hier in einer Doppelrolle) als Entfesselungskünstler mit österreichischem Akzent (»Soll i euch eumal fässeln? Ich hätt' nicht übel Lust dazu.«) - ultrakomisch. Und Gottfried Kramer gibt einen herrlichen Feuerschlucker namens Alfredo. Man merkt den Dreien förmlich an, dass es ihnen großen Spaß gemacht haben muss, sich hier mal richtig austoben zu können - ulkige Akzente inklusive. Klänge von Zigeunermusik runden das Bild ab.

Was in meinen Augen jetzt weniger spektakulär ist, ist die titelgebende Figur selbst. Sicher, Alexandra Wilcke hat das kleine Zigeunermädchen Jo recht süß eingesprochen. Jedoch stört mich, dass Julian, Dick, Anne und George die »gute alte Jo« anscheinend so gut kennen, der geneigte Hörer hiermit aber kaum etwas anfangen kann, auch wenn erklärt wird, welchen Umständen man diese Bekanntschaft zu verdanken hat. Jedenfalls ist sie zur rechten Zeit am rechten Ort und kann mit einer (zuvor als äußerst gefährlich angekündigten) Schlange namens Liebling gleich vier gestandene Verbrecher stellen.

Dass die drei tapferen Künstler zum Schluss versehentlich den guten Onkel Quentin - anstelle von Jeffrey Potter - verpackt und eingesperrt hatten, fand ich super lustig. Und auch der ansonsten Kinder fressende Wissenschaftler nahm es mit Humor.

Dass die Engländer einem eine Burgbesichtigung für nur 20 Pfennig gestatten, ist sehr löblich. Überhaupt finde ich es immer sehr amüsant, wenn bei den »Fünf Freunde«-Hörspielen englische Gegebenheiten oftmals seltsamst eingedeutscht werden.

»Fünf Freunde und ein Zigeunermädchen« - ein liebevoll gestaltetes Hörspiel, kurzweilig umgesetzt, welches Freude macht. Hierfür gebe ich sehr gerne 4 Mucks.





Bewertung:






Redaktioneller Hinweis:

Sollte eine Wiederveröffentlichung des Hörspiels erfolgen, so würde dieses sicher unter dem Druck der political correctness einen angepassten Titel erhalten: