115 906.2
Alfred Hitchcock

Die drei ???

und der sprechende Totenkopf




Kommentar von Christoph





Lonzo: »Lonzo wird fragen, ob Juana Dich sehen will.«

(Man geht deutlich hörbar eine Treppe rauf; es folgt eine nonverbale Aktion von Lonzo.)

Lonzo: (Klopf. Klopf. Klopf. Klopf. Klopf. Klopf.)

Juana: »Herein!«

Lonzo: »Na, nun geh schon rein!«


Gekonnt und auf allerhöchstem Niveau wird in dieser Szene eine komplexe Situation auf dem Punkt gebracht. War nur Spaß ...




Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch erwähnen, dass Justus kurz darauf fragt, ob er sich bei Sokrates befindet.

Ja, und genau das frage ich mich eigentlich auch immer wieder, wenn ich mir diese sechste Folge der allseits beliebten Reihe anhöre. Und es macht auch überhaupt keinen Sinn, sich über Juanas Antwort »Richtig. Ich bin Juana, die Zigeunerin!« aufzuregen, da es im Hörspiel noch weitaus dicker kommt. Aber ein Brüller ist es schon, nicht wahr?


Person 1: »Bin ich hier richtig beim Peter?«

Person 2: »Richtig. Ich bin der Werner!«


Einfach köstlich. Aber vielleicht verstehe ich diese Kausalität des Grauens auch einfach nur nicht... Ja, dieses Hörspiel macht es einem nicht gerade leicht. Und auch nach dem x-ten Durchlauf bleiben immer noch einige Fragen offen - bei mir jedenfalls. Im Übrigen muss ich sowieso anfügen, dass ich lediglich das Hörspiel kenne. Jedoch sollte dies auch genügen. Man ist ja schließlich nicht dazu verpflichtet auch noch das Buch zu lesen, obwohl es in diesem Falle wahrscheinlich sehr von Vorteil wäre.

Egal - ich versuch mal einen halbwegs ordentlichen Kommentar hierzu abzuliefern - und wegducken gilt sowieso nicht.

Jedenfalls kann man schon mal sagen, dass dieses »Totenkopf«-Hörspiel ein Paradebeispiel dafür ist, dass einem auch die etwas unlogischeren bzw. verworreneren Fälle der »drei ???« durchaus gefallen können. Und ich denke, ich maße mir nicht zu viel an, wenn ich behaupte, dass die Hälfte der Kids der 80'er dieses Hörspiel auch nur maximal zu neunzig Prozent verstanden hat. Ich probiere mal, mich der Hundert zu nähern. Und da "Just sich ja nur für Tatsachen interessiert", wie der gute Bob uns ja in der kommenden Folge mitzuteilen weiß, beginne ich ... mit ein paar Tatsachen bzw. mit dem, was ich glaube begriffen zu haben:

Vor etwas mehr als sechs Jahren wurden bei einem Bankraub 50.000 Dollar entwendet. Das Geld wurde jedoch nie aufgefunden. Spike Neely, wohl der Kopf einer Verbrecherbande, ging der Polizei ins Netz und wurde zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Zuvor gelang es Neely jedoch, die Beute in einem sicheren Versteck unterzubringen. Da Neely jedoch während seiner Haftzeit schwer erkrankt und somit die "Früchte seiner Arbeit" nicht mehr ernten kann, entschließt er sich dazu, das Geld einem ehemaligen Zellenkumpan zu vermachen. Kurz vor seinem Ableben verfasst er einen Brief, welcher in chiffrierter Form Hinweise auf das Versteck des Geldes enthält.

Adressiert ist der Brief an den »Großen Gulliver«, einen Ganoven, der unter anderem auch als betrügerischer Wahrsager beim Varieté gearbeitet hat. Wahrscheinlich war es auch diese "Kunst", die ihn ins Kittchen brachte. An Spike Neelys Bankraub scheint er jedoch nicht beteiligt gewesen zu sein. Dieser ominöse Brief, der ganz klar Dreh- und Angelpunkt in dieser Geschichte ist, kommt jedoch zunächst auf ungeklärte Weise abhanden.

Aufgefunden wird er von Bob. Dies in einem alten Koffer, welchen Justus zufällig auf einer Auktion erstanden hat. Für den Koffer und somit für den Brief und wiederum somit für das erbeutete Geld interessieren sich außer den drei Detektiven noch: erstens eine alte Frau, die die Auktion nur um wenige Sekunden verpasst, zweitens ein ehemaliger Magier, ebenfalls vom Varieté, welcher sich Mr. Maximilian nennt und drittens eine gefährliche Chicagoer Verbrecherbande, welche jedoch zunächst im Hintergrund bleibt.

Bei der alten Dame handelt es sich ganz klar um den bereits angesprochenen Gulliver, also den Adressaten von Spike Neelys Brief. Bei Mr. Maximilian handelt es sich vermutlich um einen ehemaligen Schaustellerkollegen von Gulliver, welcher auf die eine oder andere Weise Wind von der Sache bekommen hat. Ob die Chicagoer Gangster an Neelys Bankraub beteiligt waren oder nur rein geschäftsmäßig Interesse an dem geraubten Geld haben, ist nicht ganz klar.

Bis hierhin ist soweit alles gut verständlich. Doch nun tauchen die ersten Fragen auf:

Der Koffer, den Justus zufällig (das möchte ich nochmal ganz deutlich betonen) erstanden hat, gehörte Gulliver - dem »Großen Gulliver« vom Varieté. Dieser versucht selbst, verkleidet als alte Dame, den Koffer zu ersteigern. Justus kommt ihm jedoch zuvor. Warum möchte Gulliver seinen eigenen Koffer ersteigern? Hat er ihn vielleicht achtlos weggegeben und erst später realisiert, welche Bedeutung er hat? Erfuhr er erst später von Neelys Brief? Hatte Mr. Maximilian ihm vielleicht hiervon berichtet? Oder kannte Gulliver den Brief doch schon zuvor? Wenn der Koffer für Gulliver so wichtig war, warum erscheint er nicht rechtzeitig zur Versteigerung? Oder hat Gulliver absichtlich Justus den Vortritt gelassen, da er sowieso wollte, dass der Koffer in die Hände des berühmten Detektivteams gelangt?

Dies erscheint mir am plausibelsten, da Gulliver ja mittels des sprechenden Totenkopfes, welcher sich im Koffer befand, Kontakt mit Justus aufnimmt. Hierzu benutzt er das Codewort "Sokrates", mit welchem Justus seinerseits Kontakt zu ihm, diesmal verkleidet als Zigeunerin Juana, aufnehmen kann. Dafür, dass Gulliver verdeckt die Dienste der »drei ???« nutzen will, spricht auch die Tatsache, dass sich die Sendestation des sprechenden Totenkopfes nicht im Künstlerkoffer befand. Würde das makabre Utensil nur unbedarft im Koffer schlummern, wäre es sicher komplett gewesen. Die ganze Sache hat nur einen Haken: Wie konnte Gulliver sicherstellen, dass Justus auf der Auktion den Koffer auch wirklich ersteigert? Das war doch reiner Zufall.

Es bestünde natürlich noch die Möglichkeit, dass Gulliver den Koffer ersteigern wollte, um ihn dann im Anschluss gezielt dem Detektivteam zukommen zu lassen. Nur wäre ja in diesem Falle die Totenkopf-Apparatur (so verdächtig unkomplett) mit Sicherheit noch nicht im Koffer gewesen. Oder wurde sie erst später im Koffer platziert? Und überhaupt dient der sprechende Schädel doch lediglich einer etwaigen Kontaktaufnahme - eine Art Walkie-Talkie sozusagen. Und mit wem, außer Justus, Bob und Peter hätte Gulliver ansonsten Kontakt aufnehmen wollen? Mit der Chicagoer Unterwelt ganz sicher nicht. Es sieht also wirklich so aus, als hätte Justus zufällig einen Koffer ersteigert, den er so oder so auf jeden Fall noch erhalten hätte. Und genau diese These ist der Knackpunkt, der Knoten, der sich in meinem Gehirn einfach nicht lösen lassen will.

Es ist also eigentlich schon davon auszugehen, dass Gulliver den Inhalt des Briefes kannte. Jedoch war er wahrscheinlich nicht dazu in der Lage, ihn zu entschlüsseln. Vielleicht wusste er nicht einmal, dass der Brief verschlüsselt war. Das könnte eine Erklärung für sein späteres Handeln sein. Jedoch - sollte Gulliver, welcher ja nun eigentlich zu den Guten gehört, lediglich versucht haben, die Genialität des Ersten für seine Zwecke zu missbrauchen, so würde er die drei Detektive gleichzeitig einer real existierenden Gefahr durch die Chicagoer Gangster aussetzen. Dies passt aber eigentlich auch nicht zur Figur des zum Schluss sogar scherzenden Ex-Wahrsagers, oder?

Da war auch sein zu Beginn versteckter Hinweis bzw. seine Warnung nicht sonderlich hilfreich. Verkleidet als Zigeunerin Juana orakelt er ja mittels Kristallkugel, dass ein Mann, dessen Namen mit "G" beginnt und der sich vor gewissen Männern fürchtet, Justus um Hilfe bitten wird. Andeutungen solcher Art werden einem Justus Jonas wohl eher anspornen als abschrecken. Ein schwacher Versuch also. Ein weiterer Abschreckungsversuch, ausgeführt von Gullivers Zigeunerfreunden, verpufft ebenfalls wirkungslos.

Wie dem auch sei - meiner Meinung nach hat es dieses Hörspiel gewaltig in sich und mir raucht auch schon wieder gewaltig der Kopf. Auch so manch andere Aktion bzw. Nichtaktion kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Kostproben gefällig?

Justus lügt Mr. Maximilian an, als er ihm weißmacht, der Koffer sei gestohlen. Sehr ungewöhnlich. Wieso ist es sowohl dem Magier Maximilian als auch dem Gangster Smarty Simpson möglich, direkt in der Zentrale anzurufen? Oder konnte Tante Mathilda die Gespräche verbinden, eine private Miss Moneypenny etwa? Auf den Visitenkarten der drei Detektive steht meines Wissens jedenfalls keine Telefonnummer. Oder doch? Warum ersteigert man einen geheimnisvollen Koffer und macht ihn dann erst eine gefühlte Ewigkeit später auf? Man ist sogar neugieriger auf einen Zeitungsartikel eines unbedeutenden Reporters!

Überhaupt - wieso ist ein Reporter namens Fred Brown mit seinen Recherchen schneller als Bob oder Justus? Wieso haben die drei Detektive die Vorrichtung in der Bodenplatte des Totenschädels nicht entdeckt? Das ist doch eigentlich unmöglich. Die drei Detektive lassen sich tatsächlich von Gulliver (vom Haus gegenüber des Schrottplatzes) beobachten, und ihnen fällt nichts auf? Wieso hat Justus in der Zigeunerin (Ich habe keine Angst vor dem sogenannten "Z-Wort".) nicht sofort die alte Dame aus dem Auktionshaus wiedererkannt? Die Stimmen waren identisch und darüber hinaus ziemlich markant.

Die drei Detektive werden von Hauptkommissar Reynolds ausdrücklich vor etwaigen Gestalten aus der Chicagoer Unterwelt gewarnt. Und dennoch fallen sie auf Smarty Simpson alias Mr. Grant herein? Mr. Grant erscheint angeblich auf Empfehlung des Hauptkommissars. Dies kurz zu checken ist den drei Detektiven nicht mal ein kurzes Telefonat wert? Das kann man wohl als grob fahrlässig bezeichnen. Selbst kurz vorm Finale, als Smarty Simpson denkt, dass das Geld bereits von einem der Drei aufgefunden wurde und ziemlich barsch fragt »Wo ist das Geld?«, merkt man nicht, mit wem man sich zusammengetan hat. Sehr seltsam.

Fragen über Fragen ...

Und dennoch ist dieses Hörspiel allemal die volle Punktzahl wert. Allein schon der Unterhaltung wegen ... Man beachte den herausragenden Auftritt von Gerlach Fiedler als Auktionator. Ein echter Ohrenschmaus. Würde das Hörspiel in der dritten Minute abrupt abbrechen, wären allein hierfür schon mal drei Mucks fällig. Hut ab! Auch gefällt mir der Auftritt des Reporters Fred Brown ganz gut. Peter Buchholz kommt sehr angenehm und authentisch rüber. Auch sein kleiner Aussetzer ist erfrischend: »Ich glaube, es ist 'n Totenschädel ... und der kann sprechen!«

Tante Mathilda muss ein »Buh!« verkraften und ist auch ansonsten zu einhundert Prozent in ihrem Element. Sehr spaßig. Joachim Wolff, dessen niedliche Stimme den »Großen Gulliver« verkörpert, ist ebenfalls sehr nett anzuhören - gefällt mir sehr gut. Und dann natürlich der gute alte Hauptkommissar. Dieser ist wie immer über jeden Zweifel erhaben. Toller Typ dieser Horst Frank. Hatte der eigentlich als Sprecher auch mal einen schlechten Tag? Auch die Szene bei Mrs. Miller (gesprochen von Marianne Kehlau) gefällt mir ausgesprochen gut. Zu Besuch bei "Gräfin Dracula", welche in angenehmster Weise über ihren verstorbenen kriminellen Bruder plaudert. Einfach nur genial.

»Die drei Fragezeichen und der sprechende Totenkopf« - zwar etwas kopflos, aber keinesfalls blutleer und mit Sicherheit Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau ... Vielleicht so oder ähnlich hätte es vermutlich auch Fred Brown beschrieben.

Five Mucks, of course ...





Bewertung: