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Als man im Hause Miller begann, Schallplatten zu pressen, war an eine Cassettenproduktion in Serie noch nicht zu
denken. Erst nach und nach etablierte sich die MC als echtes Konkurrenzprodukt zur LP. So ergab es sich, dass in den
ersten Jahren die Hörspiele nur als LP erschienen, bis 1970 schließlich eine "Aufholjagd" durch die MC begann. So
wurden die bereits auf Schallplatte erschienenen Hörspiele teilweise nachträglich auf MC konvertiert, bis man ab 1977
schließlich LP und MC in der Regel parallel veröffentlichte.
Doch zurück zu den frühen Jahren, dem Thema dieser Kolumne: Die Frage, weshalb bestimmte Hörspiele gleich, andere viel
später und manche gar nicht als MC veröffentlicht wurden, haben sich wahrscheinlich schon Scharen von Hörspielhörern
gestellt. Um es vorweg zu nehmen: Auch diese Kolumne kann die Frage nicht klären, denn die Veröffentlichungspraxis von
Miller war in sich so inkonsequent, dass selbst dem interessiertesten Sammler oft nur die Möglichkeit bleibt, mit
Wahrscheinlichkeiten und Vermutungen zu leben.
Neben der Frage, welches Hörspiel sich zur Veröffentlichung auf Cassette anbot, tauchte parallel dazu ein ganz
anderes Problem auf. Während die Laufzeiten zweier LP-Seiten ohne Auswirkungen voneinander abweichen konnten, wurde
durch die Bandlänge einer MC die Spieldauer gleichzeitig für beide Seiten verbindlich festgelegt. Da nun aber die
Hörspiele bei Einführung der Cassette bereits geschnitten waren und der Seitenwechsel meist an einer dramaturgisch
günstigen Stelle erfolgt war, stand man vor der Tatsache, dass sich in den meisten Fällen ein nicht unerheblicher
"Leerlauf" auf der zeitlich kürzeren Cassettenseite ergeben hätte. Natürlich hätte man dies - wie es bei anderen Labeln
Standard war - in Kauf nehmen können, aber ganz offensichtlich wollte man hier dem Hörer einen gewissen "Komfort" beim
Hören bieten - oder schlichtweg Bandmaterial sparen. Um dies zu erreichen, kamen fünf Alternativen in
Betracht:
Verlegung des Seitenwechsels in die rechnerische Mitte der Gesamtspielzeit des Hörspiels
Beschleunigung der Laufzeit durch schnelleres Abspielen des Masterbandes bei einer der beiden Seiten
Inhaltliche Schnitte bei einer der beiden Seiten (Eingriffe in Text und / oder Musik)
Austausch einer Seite gegen eine andere Seite mit passenderer Laufzeit
keine Veröffentlichung des Hörspiels als MC, da zu großer Aufwand in der Bearbeitung
Warum im Einzelfall diese oder jene Bearbeitung gewählt wurde, wenn man sich denn für eine Veröffentlichung
entschieden hatte (oder aber eben keine Veröffentlichung erfolgte), bleibt im Ergebnis schleierhaft. Von allen
Alternativen wurde zunächst jedenfalls fleißig Gebrauch gemacht, manchmal sogar in Kombination der Bearbeitungen, wobei
der Austausch einer Seite natürlich nur dann in Frage kam, wenn ein Hörspiel zwei oder mehr in sich abgeschlossene
Geschichten enthielt - hier wechselte man meist ein Märchen gegen ein anderes aus. Diese unterschiedlichen Konzepte
führen zu einer sehr unübersichtlichen Situation bezüglich der MC-Veröffentlichungen von 1970 bis letztlich 1974. Als
Beispiele dieser irritierenden Praxis seien hier stellvertretend genannt:
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Obwohl das Cover der MC 4013 von der LP E 239 (»Die allerschönsten Kinderlieder«) stammt, sind nur Lieder von der LP
E 223 (»Ri-ra-rutsch«) und der LP 263 (»Ringel, Ringel, Ringelreih'«) zu hören.
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Für die MC 4039 »Der gestiefelte Kater« musste eigens ein neues Cover entworfen werden, da das Märchen ursprünglich
die 2. Seite der LP E 206 (»Hänsel und Gretel«) einnahm und daher kein Titelbild für diese Geschichte existierte.
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Die LP E 279 (»Dornröschen« und »Hans im Glück«) erschien in dieser Form nie als MC auf dem deutschen Markt. Zwar
wurden sowohl »Dornröschen« wie auch »Hans im Glück« separat und mit anderen Geschichten kombiniert veröffentlicht,
aber in exakt dieser Zusammenstellung und mit dem originalen LP-Cover erschienen die beiden Märchen als MC nur unter
dem »bingo«-Label, welches für die Veröffentlichung in Österreich gedacht war (MC 8044).
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»Schneeweißchen und Rosenrot« (von der LP E 282) erschien erst als MC 4038 in Kombination mit den Märchen »Der
Wunschring« und »Eine Kindergeschichte« (beide von der LP »Die Märchentruhe«, E 266), später dann als MC 4107 mit dem
Märchen »Die chinesische Nachtigall« (entsprechend der originalen Zusammenstellung der LP E 282).
[Schneeweißchen hat sich zwischen den Veröffentlichungen dem Zwerg angenähert.]
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»Kasperles lustige Streiche« (LP E 261) erschien als MC gleich zweimal: als MC 4041 und als MC 4104. Inhaltlich
handelt es sich um dieselben Geschichten, aber es wurden unterschiedliche Schnitte im Vergleich zur LP-Version
vorgenommen. Auch die Cover weichen voneinander ab. Kam es hier versehentlich zu einer Doublette? Seltsamerweise
erschien der zweite Teil der »Kasperle«-Reihe, »Kasperle ist wieder da« (E 269), überhaupt nicht als MC. Der dritte
Teil, »Kasperle und Seppl« (E 272), erschien hingegen als MC 4157.
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Erst ab 1975 ging man dazu über, sich auf die originalen LP-Aufnahmen zu konzentrieren, diese bei der Konvertierung
weitgehend zu erhalten und vorsichtiger einzugreifen. Ab 1976 wurde bereits bei der Abmischung der Schallplattenfassung
auf identische Laufzeiten geachtet, sodass keine gesonderte Cassettenversion mehr erforderlich war.
Erschwert wird die Suche nach MC-Veröffentlichungen durch die Tatsache, dass die Hörspielcassetten zunächst kein
eigenes Katalognummernsystem erhielten. Die Hörspielschallplatten waren bis 1977 mit wenigen Ausnahmen stets an der
typischen "E-Nummer", die mit einer "2" begann, erkennbar, also etwa E 220, E 241 oder E 292. Die Hörspielcassetten
erhielten bis 1977 hingegen Nummern aus dem allgemeinen EUROPA-Katalog, dem 4000'er Bereich, und gaben sich ein
Stelldichein mit Volksmusik-, Popmusik-, Witze- und Klassik-MCs.
Die genannten vier Cassetten wurden nicht willkürlich gewählt: »Die große Stimmungs-Rakete« diente als Hintergrundmusik
zu der Party bei den Eltern von Detlef Egge in »TKKG (4) Das Paket mit dem Totenkopf«. Auf dem Cover von »drunter und
drüber« ist Heikedine Körting auf der Treppe zu sehen. Der Blumenpeter-Walzer, der gegen Ende von »Pampusch der kleine
Zaubergeist« zu hören ist, ist Teil der Kompilation »Zum Tor hinaus«. Und die Lieder der MC »In einer Bar in Mexico«
(Coverzeichnung: Hans Möller) sind Titel, für die Heino bekannt wurde. Diese werden hier allerdings jeweils in einer
Coverversion von Wolfgang Kubach gesungen - der bei den »drei ???« unter anderem als Victor Hugenay und Patrick O'Ryan
zu hören ist.
Ein Wort noch zu den MC-Covern: Auch deren Gestaltung änderte sich unentwegt. Hatte man zunächst Ausschnitte des
LP-Covers gewählt, so ging man später dazu über, das komplette quadratische LP-Cover abzubilden und um dieses herum
eine Art gelben "Rahmen" zu legen, um das Format eines Cassettencovers zu erreichen. Auch dieser "Rahmen" war
verschiedenen Änderungen unterworfen. Unabhängig davon wurden oft Covermotive ersetzt, wenn es eine Neuauflage gab.
Später wählte man dann wieder lediglich Ausschnitte des LP-Covers, das jetzt aber bereits entsprechend gezeichnet war,
sodass bei der Konvertierung für die MC nur unwichtige Seitenteile entfielen. Es gibt daher eine unüberschaubare
Vielfalt an Covervariationen, deren systematische Darstellung Seiten füllen würde und hier vernachlässigt werden soll.
Um überhaupt noch eine ungefähre Übersichtlichkeit wahren zu können, werden in dieser Kolumne weiterhin nur die
grundlegenden Fakten aufgelistet. Die nachfolgenden Angaben beruhen zwar auf jahrelanger "Beobachtung" und sind ganz
überwiegend verifiziert, aber zum einen ist es natürlich unmöglich, zu beweisen, dass ein Hörspiel als MC nicht
erschienen ist, und zum anderen sorgt die oben erwähnte, wahllos erscheinende Bearbeitungs- und Veröffentlichungspraxis
auch auf Grund der inzwischen verstrichenen Jahre für Fragen, die sich wohl nicht mehr klären lassen. Hinzu kommen
zahllose "Ausreißer" wie Fehldrucke, Fehlfarben und so weiter. Ergänzungen oder Korrekturen sind somit jederzeit
willkommen, E-Mails bitte an bert[at]claudius-brac.de.
Abschließend sei noch festgehalten, dass bei den ganz frühen Veröffentlichungen keinerlei Angaben zu Inhalt, Besetzung,
Regie und so weiter auf der Innenseite der Papiereinleger wiedergegeben wurden. In einer Übergangsphase erfolgte dann
der Abdruck der entsprechenden Informationen quer zum Cover, so dass man dieses um 90° gegen den Uhrzeigersinn drehen
musste, um den Text lesen zu können. Erst dann druckte man die Besetzungsliste etc. passend zum Titelbild ab. Die
Informationen waren nun beim Herausnehmen der MC problemlos zu lesen.
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