115 510.5
Winnetou II
3. Folge
Weihnachten im Wigwam




Kommentar von

Carl Mai, Pitichinaccio & dem alten Wagner




Zur Buchvorlage

Karl Mays Roman »Weihnachten im Wigwam« wurde 1913 posthum in Einzelerzählungen in der Zeitung »Der Laubenpiper« veröffentlicht und seinerzeit kaum wahrgenommen. Erst 1920 erfolgte die Veröffentlichung in Buchform als letzter Band der Gesammelten Weihnachtserzählungen. In der bearbeiteten Ausgabe des Kriegsbeil-Verlages erhielt der Band später den heutzutage geläufigeren Titel »Winnetous fast vergeigtes Weihnachtsfest«.

Im Zuge der wiedererstarkenden Erfolge von Karl-May-Hörspielen in den späten 1970'er Jahren auf den Konkurrenzlabels plante man auch bei EUROPA, in diesem Sektor nachzulegen. Wie bereits bei »Winnetou I (3. Folge) Der schwarze Mustang« geschehen, so versuchte man auch hier über die Titelwahl das Hörspiel als festen Bestandteil der »Winnetou«-Trilogie zu kennzeichnen. Auf diese Weise erhielt das Hörspiel den Titel »Winnetou II (3. Folge)«. Auf der Cover-Rückseite folgte dann der eigentliche Titel »Weihnachten im Wigwam«. Leider hat man versäumt, der Handlung mehr Tiefe zu verleihen. Dies ist besonders schade, da genügend Spielraum beziehungsweise Spieldauer auf den LPs vorhanden gewesen wäre.



Zum Hörspiel

So wird das Hörspiel zwar mit einer entzückenden Aufnahme aus »Frohe Weihnacht«, nämlich »O Tannenbaum« eingeleitet, doch fehlt die Erklärung, wie es dazu kommt, dass Winnetou überhaupt einen Nikolausstiefel vor seinem Wigwam aufgestellt hatte. Der Umstand, dass Old Shatterhand über Jahrzehnte sämtliche Apatschen missioniert hatte und Tatellah-satah, der Bewahrer der großen Medizin, schon vor Jahren fluchend und zeternd das Indianerdorf verlassen hatte, wird nicht berücksichtigt. Mit dem Christentum waren durch Shatterhand auch vorchristliche Bräuche ins Indianerleben eingezogen. Bunte Ostereier in Kriegsbemalung hatten schon oft das Dorf in Freude versetzt. All dies muss man wissen, um die ganze Dramatik der Handlung erfassen zu können.

Jetzt erst setzt das Hörspiel ein. Am Morgen des sechsten Dezember 1870 hat die Freude vorerst ein Ende. Winnetou lugt gespannt durch einen Schlitz des Eingangslappens seines Wigwams, kann aber beim besten Willen davor nichts entdecken. Der lederne Nikolausstiefel, der zu erwartenderweise randvoll mit Nüssen, Orangen und Whiskey-Probefläschchen vor seinem Zelt sein sollte, ist nicht zu sehen. Blitzschnell greift der Apache zum Messer und steht mit einem Satz vor seiner Behausung.

Zu sehen ist eine deutliche Spur, die aus dem Wald kommend bis an seinen Wigwam und von hier hinab zum Fluss führt. Der Häuptling legt sich der Länge nach in den Schnee und schlängelt sich der Spur entlang langsam bis zum Flussbett hinunter - vorbei an Lebkuchenkrümeln, die belegen, dass sein Blutsbruder Old Shatterhand den Stiefel befüllt und der Dieb somit den vollen Stiefel gestohlen haben musste. Oder hatte Charley - wie Winnetou seinen weißen Bruder neckisch nennt - dem Inhalt des Stiefels selbst nicht widerstehen können?

Hier wird im Hörspiel ein wichtiger, umfangreicher Einschub - eine Rückbesinnung Winnetous an den Vollzug der Blutsbrüderschaft mit Shatterhand und jeweiligem Armaufgeritze - auf eine recht unspektakuläre Zwischenbemerkung reduziert. Winnetou äußert kurz: »Der Sausack!«.

Am Fluss angekommen sieht Winnetou, dass keine Gefahr droht. Der Apatsche steht auf und bemerkt erst jetzt, dass er nur einen Lederstiefel trägt. Auf einem Bein und den inzwischen blau gefrorenen Fuß in die Höhe streckend, sehen beziehungsweise hören wir den Apatschen laut schimpfend zum Dorf zurückhüpfen. Sehr geschmackvoll ist in dieser Szene die musikalische Untermalung mit Klängen der EUROPA-LP »Ballett-Welterfolge« von Léo Delibes, der »Czárdás« aus »Coppélia« eingefügt worden.

Die Episode schließt mit den Worten: »Winnetou wird den Mann finden, der ihm den Stiefel vor seinem Wigwam stahl, so dass der Häuptling der Apatschen nun auf einem Bein hüpfen muss. Howgh!«

An die erste Straftat schließt sich sofort die zweite an. Den Anführer der Bande verbrecherischer Weihnachtswichtel, die illegal Manitou-Figuren aus Taiwan in die USA importieren und diese als echte Handarbeit in ihrem Souvenirshop anbieten, spricht Joachim Wolff. Und er bewährt sich mit seiner gesamten schauspielerischen Bandbreite, vom freundlichen Begrüßungswichtel bis hin zum gewaltbereiten Clanzwerg, als Winnetou und Old Shatterhand die Manipulation - oder wie Winnetou es fälschlicherweise ständig nennt: die Manitoulation - aufdecken. Die nun folgende Massenschlägerei ist dabei ein akustisches Geräuschefeuerwerk und erinnert an das Finale des Hörspiels »Die letzten Tage von Pompeji« (E 255), einschließlich der Explosion im Warenlager der Wichtelwerkstatt.

Einen interessanten Bruch stellt die sich daran direkt anschließende, fast heimelige Versöhnungsfeier dar, bei der der selbstgebrannte "Wichtelwurz" ins Spiel kommt. Insbesondere die melancholische Romanesca »Greensleeves« wird dabei von den Wichtelstimmen Gerlach Fiedlers, Rudolf Fenners, Josef Dahmens und Gottfried Kramers ebenso einfühlsam wie sauber vorgetragen. Die darauffolgenden Ereignisse strich Peter Folken notwendigerweise zusammen, und so entfielen das Wettpurzelbaumschlagen und die Szenen im Etablissement »Giselle« von Madame Coco Trové. Auch erwachen Winnetou und Old Shatterhand am nächsten Morgen gemeinsam in ihrem Schlafsack in Winnetous Wigwam und nicht in der Ausnüchterungszelle von Sheriff Danton. Dort befinden sich nur die vorübergehend festgenommenen Weihnachtswichtel.

Im Einfügen von »Winnetou II (3. Folge)« zwischen die Hörspielkomplexe »Winnetou II« und »Winnetou III« ergab sich eine Reihe von formalen und inhaltlichen Ungereimtheiten: Winnetou verliert bei der Verfolgung Santers am Ende von »Winnetou II« dessen Spur. Der Bösewicht tritt erst wieder in »Winnetou III« auf. Der hier vertonte Roman ist jedoch völlig losgelöst von der »Winnetou«-Roman-Trilogie. Die chronologische Ungereimtheit lässt sich leicht nachvollziehen an dem Umstand, dass der Schurke Santer hier deutlich gealtert ist und einen weißen, langen Bart trägt. Er hat merklich zugenommen und ist nicht mehr in wildwest-typischer Manier bekleidet, sondern trägt ein Wams aus weicher Wolle mit eigenwilliger Zipfelmütze. In der Prärie wäre er mit diesem auffälligen Gewand verloren. Und so lebt er nun unter dem Namen "Santer Claus" in einem Blockhaus, das unter den wenigen Siedlern und Indianern in der Umgebung nur als "Das Haus vom Nikolaus" bekannt ist.

Aus dem Roman wurden für das Hörspiel diejenigen Szenen gewählt, die auch in Karl Mays Jugendromanen hätten spielen können. Der phantastische Überbau und das Episch-Breite wurden auf Normalmaß reduziert und dem Kinderhörspiel angepasst. Dieser Strategie folgend sind eine ganze Reihe entscheidender Figuren zum Opfer gefallen, so zum Beispiel Knecht Ruprecht, Hans Muff und der Haschimitenfürst.

Old Shatterhand, der im Auftrag seines Blutsbruders in den verschneiten Bergen der Rocky Mountains nach dem gestohlenen Nikolausstiefel sucht, hatte sich durch Befragen mehrerer Passanten bis zu Santers einsamer Hütte durchgeschlagen. Seinen ursprünglichen Plan, die Hütte anzuzünden und Santer auszuräuchern, muss er jedoch aufgrund eines sich rasch anbahnenden Blizzards fallenlassen. Da Santer durch das Sturmgeheul den klopfenden Shatterhand nicht hört, poltert dieser unangekündigt in das Blockhaus und fällt langestreckt auf den Streifenhörnchenfellteppich, sodass Santer einen Riesenschreck erleidet, als der den völlig verschneiten, Yeti gleichen Erzfeind vor sich sieht.

Nach einer gewissen Auftauphase stellt Shatterhand fest, dass Santer - inzwischen geläutert - nicht der Dieb des Stiefels sein kann. Als dann später noch Sam Hawkens über die Bahnstation Rocky Ground und die Siedlung Old Hoppenstedt eintrifft, ergibt sich bei Kerzenschein und Lametta eine regelrecht vorweihnachtliche Stimmung. Zum Abschied schenkt Santer seinem ehemaligen Widersacher noch den halb leer gefutterten Adventskalender mit den whiskeyseligen Worten: »Aber jeden Tag nur ein Türchen aufmachen!« Dazu erklingen die lieblichen Töne der EUROPA-LP »Ballett-Welterfolge« in Form von Peter Tschaikowskys »Schwanensee«, die etwas Episch-Großartiges mitschwingen lassen.

Insgesamt legte man bei der Umsetzung des Kapitels in Hörspielform ähnlich wie bei den vorangegangenen Karl-May-Vertonungen den Schwerpunkt auf realistische Handlung. Die Geräuschkulisse, bestehend aus Bärengebrüll, Pferdegewieher, Schusswechseln, Explosionen und so weiter macht das Ganze sehr authentisch. Trotz manch technischer Schwächen ist und bleibt diese Hörspiel-Szene der »Winnetou«-Trilogie die bis heute beste. Das mag neben den Sprecherqualitäten auch an der Mischung aus actionreichen Einsätzen und völlig kitschiger Musikuntermalung liegen. Die versöhnende Botschaft, die der geläuterte Santer verkündet, wird eindrucksvoll vermittelt.

Die zweite Seite setzt unmittelbar mit der Explosion der Weihnachtsbäckerei ein, die von Sheriff Danton aus Versehen als Lebensmittellager angesehen wurde. Sein Plan, die Vorräte der Belagerer von Wichtel Village zu zerstören, schlägt somit fehl, wird aber sehr packend inszeniert und von Hans Meinhardt gewohnt souverän vorgetragen. [Warum und von wem Wichtel Village belagert wird, erfährt der Hörer nicht. Dies lässt viele Fragen offen, zumal die Wichtel noch in Haft sind und somit niemand da ist, den man belagern könnte ... und wenn einer dies weiß, ist es Sheriff Danton, denn dieser hat die Wichtel ja selbst arretiert.] Aus den Trümmern der Bäckerei können Winnetou und Old Shatterhand nur noch einen schwerverletzten Mann mittleren Alters retten, der sich kurz vor seinem Ableben noch als Rolf Z. vorstellt. Ein nervöses Schnauben von Iltschi, welches als Pferd nicht umsonst den Beinamen "Lassie vom Wichtel Village" trägt, lässt Winnetou erneut in die brennende Bäckerei hineingehen. Die dort schließlich noch gefundene Frau kann zur Überraschung aller Anwesenden erfolgreich und lebendig geborgen werden.

Die Dramaturgie des Hörspiels erreicht hier eindeutig einen weiteren Höhepunkt. Frau Körting lässt nach der Rettung der Bäckersfrau - wir müssen sie vorläufig Frau Z. nennen - dem Zuhörer kaum Luft, diese völlig unerwartete Wendung zu verdauen. Schockiert schnappt man nach Luft, als Frau Z. im Anschluss den offensichtlichen Tod ihres Mannes sehr nüchtern, ja schon emotionslos mit den Sätzen »Ich bin Bäckereifachverkäuferin. Mein Mann lebt nicht mehr.« kommentiert. In diesem beklemmenden Szenario als Zuhörer völlig allein gelassen setzt dann die Ouvertüre zu »Pique Dame« von Franz Suppé ein. Glückwunsch, Frau Körting, nie wurde Musik von Ihnen passender ausgewählt.

Besondere Erwähnung müssen Sascha Draeger und sein Auftritt als der von Winnetou gegenüber Old Shatterhand jahrelang verschwiegene Blutbruder Pete Carsen finden. [An dieser Stelle wird im Hörspiel verschwiegen, dass Pete Carsen nur deshalb zu Winnetous Blutsbruder wurde, weil er diesen erpressen konnte. Er hatte Winnetou vor Jahren dabei überrascht, als dieser "Sheriff Danton ist doof!" an die Gefängnismauer geschrieben hatte.] Zum einen liefert Herr Draeger - rollengerecht! - einen überzeugend unsympathischen und selbstverliebten Besucher des nahegelegenen Fahrrad-Rodeo-Internats ab. Zum anderen schlägt gerade deshalb das Herz des Hörers umso mehr für Old Shatterhand, als dieser wütend Winnetou und Pete mit Sand bewirft, mit Tränen in den Augen die Holzpflöcke von Winnetous Wigwam herauszieht und schließlich mit den Händen in den Hosentaschen davonstapft.

Sehr stimmungsvoll gerät dann die abendliche Szene am Lagerfeuer. Old Shatterhand ist halb verdurstet aus dem Llano Estacado zurückgekehrt und setzt sich neben Pete und Winnetou, die im knisternden Schein der Flammen in kurzen Sporthosen Liegestütze zu indianischen Weihnachtsliedern machen. Heinz Trixner gelingt sehr gut der scheinbar freundliche Tonfall in der Stimme, als er aus seinem Hollabolla-Rumpelsack eine von ihm aus dem Souvenirshop der Weihnachtswichtel entwendete Gewehrattrappe herausholt und diese Pete schenkt. Dann macht er den Cowboy aus der Millionenstadt wie beiläufig auf einen in der Ferne streunenden Grizzlybären aufmerksam. Gerade als Pete lachend die Verfolgung aufgenommen hat und mit seinem Rodeo-Rennrad hinter einem Felsen verschwunden ist, hält der Lieferplanwagen eines großen Elektronikfachmarktes neben dem Häuptling der Apatschen, einen Plattenspieler für Winnetou im Gepäck.

Als es dann am Ende der großen Bescherung zum gemütlichen Beisammensein im Wigwam kommt, verliert sich Folkens Skript zunächst etwas zu sehr in Details, die die Geschichte nicht mehr voranbringen. Beispielhaft sei hier die Diskussion zwischen Old Shatterhand und Winnetou aufgeführt, ob nun ein MM- oder MC-Tonabnehmersystem grundsätzlich besser wäre für den Vinylgenuss. Dies nervt auch den kundigsten HiFi-Indianer bereits nach wenigen Minuten, und auch die Wichtel, die sich nach der Explosion des Gefängnisses befreien konnten, werden hörbar unruhig. Erneut taucht dann auf einmal der Paketbote wieder auf und streut zu Recht und wiederkehrend den Satz »Das wird doch erst in den 1950'er Jahren erfunden.« ein. Santers Anmerkung, dass diese Diskussion ohne die Erfindung von Strom eh müßig sei, verhallt dabei ebenfalls ungehört. Der fröhlichen Ausgelassenheit rund um die Bescherung tut das Ganze jedoch keinen Abbruch, und dann kommt Bier ins Spiel.





Bewertung:






Appendix:

Der gemeinsame Kommentar der drei Autoren entstand ohne vorherige Absprache und nur auf Grundlage der sechs Episodentitel des Klappentextes, von denen jeder Verfasser entsprechend der farblichen Kennzeichnung zwei übernahm.